Zeebrugge – Stralsund

Nachdem Astrid uns in Dunkerque verabschiedet, verlassen wir Frankreich und segeln die belgische und niederländische Küste entlang nach Osten Richtung Heimat.

In Zeebrugge angekommen gönnen wir uns ein belgisches Bier und landestypische Käse- und Garnelenkroketten im Royal Belgian Sailing Club und übernachten in der Marina. Der nächste Tag ist ein wunderschöner Segeltag bei ablandigen südöstlichen Winden. Wir haben uns schon lange vorgenommen, Monique und Pieter zu besuchen, die wir im Südpazifik kennenlernten und die nun seit 12 Jahren unsere Freunde sind. Wir erreichen nach 64 sm Scheveningen, den Hafen von Den Haag, am Abend. Monique besucht  uns an Bord und bringt eine Flasche Bubbles mit, das Getränk, mit dem wir auf unserer Weltumseglung häufig die Freude über gelungene Passagen und unser Wiedersehen „begossen“ haben.  Wir haben uns lange nicht gesehen und frischen alte Erinnerungen bei einem guten gemütlichen Abend an Bord auf. Wir telefonieren kurz mit Pieter, der zurzeit mit einem Schiff seines Segelclubs auf dem Weg nach Madeira unterwegs ist. Der folgende Tag wird mit Einkaufen und Wäschewaschen verbracht und wir freuen uns auf die Einladung von Monique zum Abendessen in ihrer Wohnung im Herzen von Den Haag. Wir werden gut bekocht und es tut uns allen gut, die Erlebnisse der letzten Jahre auszutauschen. Wie schön es ist, an eine Freundschaft anknüpfen zu können, als ob es keine Unterbrechung gegeben hätte, obwohl wir die letzten Jahre nur ab und zu telefonieren konnten. Zum Abschied bekommen wir ein großes Paket mit holländischen Leckereien geschenkt, damit wir uns gut an die schöne Zeit auf unserem weiteren Weg nach Osten erinnern können.

Stefan aus Lübeck will uns besuchen und eine Etappe mit uns segeln. Wir haben das Wetter beobachtet und sehen, dass in 2-3 Tagen das Wetter umschlägt und wir viel Wind und danach Wind gegenan bekommen werden, sodass wir uns entschlossen haben, das lange Stück bis Cuxhaven durchzusegeln. Es gibt nur wenige Häfen entlang von Scheveningen aus entlang der Küste, die wir mit unserem Tiefgang von 2,4 m anlaufen können. Es sind weiterhin Winde aus Südost angesagt, sodass wir eine angenehme Passage von 222 Seemeilen erwarten. Wir segeln an Amsterdam und Den Helder vorbei und sind auf der Höhe von Texel, als ich die neuen Grib-Dateien der Wettervorhersage mit PredictWind herunterladen kann und entdecke, dass der Wind deutlich zunehmen soll auf bis 30 Knoten, das sind 7 Bft. Wir wägen ab, ob wir den Hafen von Vlieland anlaufen sollen oder weitersegeln, da der Wind ja ablandig ist und wir wenig Welle zu erwarten haben.

Die Dunkelheit und der viele Schiffsverkehr sowie die vielen Seezeichen, Windparks und Ölplattformen haben uns müde gemacht, sodass wir uns für eine Unterbrechung der Passage entschieden. Die Einfahrt in das Vliesloot bei Nacht mit den vielen Untiefen und Tonnen ist alles andere als einfach. Beim Anlegen wundern wir uns, dass in der Marina von Vlieland nur wenige Schiffe liegen. Am Morgen nach einer kurzen Nacht erklärt der Hafenmeister uns, dass der Hafen wegen Umbauarbeiten über den Winter geschlossen ist. Wir werden höflich gebeten, ihn wieder zu verlassen, sobald der Wind sich gelegt hat. Die neuen Wetterdaten lassen eine gute Weiterfahrt ab dem Abend erwarten. Annette kocht uns einen leckeren Eintopf mit doppelter Menge auch für unterwegs, und wir verlassen Vlieland mit ablaufendem Wasser nach einer Wanderung zum Leuchtturm. Wir umrunden die vorgelagerten Sandbänke, auf denen sich die See durch das Gegeneinanderlaufen von Wind und Strömung bricht. Nun bei Tageslicht sieht das alles ganz anders und einfach aus. Wir legen Kurs mit Richtung Heimat und segeln bei frischem ablandigem Wind schnell die holländische Küste entlang. Terschelling liegt schon im Dunkeln und im Folgenden laufen wir an den westfriesischen Inseln Ameland und Schiermonnikoog vorbei.

Um 3 Uhr morgens sehe ich das Leuchtfeuer von Borkum querab. Das erinnert mich an Göran, der hier lange gelebt hat, und ich schreibe ihm eine Nachricht nach Australien. Uns verbinden viele gemeinsame Segeltörns, auch einige Treffen mit Anke-Sophie auf Borkum. Dieses Mal haben wir keine Zeit und Göran lebt ja nun in Australien und kann die Nachricht direkt lesen. Wir tauschen uns über das erste deutsche Leuchtfeuer aus, das man als Seemann von Westen kommend sieht.

Wir segeln alle ostfriesischen Inseln ab: Just, Norderney, Baltrum. Bei Langeoog wird es hell und ich bereite uns ein Porridge, das fest zu unseren Gebräuchen nach einer Nachtfahrt gehört. Nördlich Spiekeroog und Wangerooge durchfahren wir das Weser-Jade-Verkehrstrennungsgebiet und folgen dann den Tonnen in die Elbemündung. Zu dieser wunderbaren Fahrt passt, dass genau jetzt die Strömung kippt und sie uns die Elbe hochdrückt. Pia und Stefan kommen zur gleichen Zeit in der Marina der Segelvereinigung Cuxhaven an wie wir und nehmen die Leinen entgegen.

Es gibt Kaffee und Kekse, dann Gin-Tonic als Sundowner und Annette lädt uns ins Hus op’n Diek zum Fischessen ein. Wir frühstücken gemeinsam im Hafenhostel, wo Pia übernachtet und danach nach Lübeck fährt, während wir das Schiff klarmachen und bei starkem Nordwind ablegen und Diesel bunkern und dann hinaus auf die Elbe fahren. Die Strömung ist noch nicht gekippt, sodass uns heftige  Wellen wegen der ablaufenden Strömung und dem Nordwind erwarten. Unter halber Genua ohne Groß fahren wir die Elbe hinauf nach Brunsbüttel. Dann lässt der Wind nach, die Strömung geht mit uns, wir setzen das Groß und reffen nach und nach die Segel aus. Wir können direkt in die Schleuse zum Nordostseekanal einlaufen und werden zusammen mit einem Schleppverband und einem Frachter auf das Niveau des NOK herabgelassen. Wir motoren mit Unterstützung durch das Großsegel in den Abend hinein und steuern beim letzten Licht das Baggerloch Dückerswisch an, wo wir zwischen zwei Dalben festmachen.

Nach einem gemütlichen Abend und guter Nacht werfen wir die Leinen am frühen Morgen bei Regen los, was natürlich weniger schön ist. Doch der Regen hört zum Glück nach einer Stunde auf und wir fahren unter Maschine gegen den Wind dem Lauf des NOK folgend Richtung Kiel, wo wir wieder im letzten Licht nach der Schleusung im Sporthafen Wik festmachen wollen. Leider sind wir ungeschickt, die Fender hatten sich an einem Dalben verhangen und dabei zwei Relingsstützen gelöst. Ich fluche, denn als Ostseesegler weiß man, dass die Fender erst im letzten Moment nach dem Passieren der Dalben außenbords gebracht werden dürfen. Wir waren wohl zu lange weg…

Gegenüber von Wik liegt die frisch renovierte Gorch Fock – rechts der Leuchturm Kiel Friedrichsort

Der Wind weht die nächsten zwei Tage kräftig aus Osten, da sind wir uns einig, dass wir keine Lust haben, gegen ihn Richtung Fehmarn zu kreuzen. Wir lassen uns von Stefan auf langen Spaziergängen Kiel zeigen, wandern von Mönkeberg nach Laboe die Kieler Förde entlang und reparieren die Relingsstützen. Stefan motiviert uns als Ruderer zum neuen Film „Adams Acht“ und so haben wir einen gelungenen Nachmittag im Kino. Zweimal gönnen wir uns auf Empfehlung von Stefan ein Abendessen in der traditionsreichen „Forstbaumschule“, 10 min von der Marina entfernt.

Weiter geht es bei südwestlichen Winden nach Orth auf Fehmarn, wo wir die vielen ausgeliehenen Seekarten und Bücher auf Ulis Schiff legen, denn leider ist sie zurzeit wegen einer Schiffsüberführung unterwegs. Unterwegs reißt uns die Genuaschot direkt oberhalb der Genua. Wir müssen unterwegs das Segel bergen und fahren notgedrungen unter Fock weiter. Wir werden später klären, wie das hat passieren können – welch ein Glück, dass uns das nicht auf der Reise passiert ist. In Orth holt uns schlechtes Wetter ein, wir bekommen viel Wind und Regen, der Sommer ist wohl endgültig vorbei. Stefan muss uns hier leider schon wieder verlassen, hilft uns aber noch um 8 Uhr beim Ablegen.

Annette und ich rauschen bei kräftigem Südwest von Fehmarn in Richtung Darßer Ort. Leider wurde der Nothafen dort aufgegeben und stattdessen der neue Hafen vor Prerow gebaut. Diesen steuern wir für eine Nacht an, um ihn kennenzulernen. Wir erreichen ihn nach 59 Seemeilen bei schönstem Segelwetter mit viel Sonne und raumem Wind wieder genau in der Dämmerung und haben keine Zeit und Lust mehr, um über die lange Brücke nach Prerow zu laufen.

Dann kommt der letzte Segeltag unserer langen Islandreise. Wir segeln bei angenehmem Südwind ohne Welle auf Hiddensee zu, erkennen irgendwann am Horizont den Dornbusch, steuern dann aber das heimische Fahrwasser nach Barhöft am Bock vorbei an, um über die Vierendeelrinne und den Strelasund nach Stralsund zu kommen, denn wir wollen mit dem Hafenmeister Tony unseren Krantermin klären. Im Wassersportzentrum Dänholm-Nord liegen nur noch wenige Schiffe. Das Wetter wird sehr herbstlich, es kündigt sich Starkwind über das Wochenende an, gut, dass wir nach Hause kommen.

Das fast leere Wassersportzentrum Dänholm Nord mit der Gorch Fock 1 im Hintergrund

Eine spannende Reise mit wunderbaren Eindrücken geht zu Ende. Annette und ich haben dieses Jahr 3.752 Seemeilen über Grund in genau 6 Monaten gemeistert. Wir haben uns besonders in Island viel Zeit genommen und haben auf der Reise in diesem Jahr insgesamt 79 Stationen in Häfen oder vor Anker eingelegt. Wir konnten so einigen Stürmen entgehen, indem wir Pausen im Hafen machten, und segelten meist bei guten Winden. Auch wenn die Temperaturen recht niedrig waren, gefroren haben wir eigentlich sehr selten. Sommergefühle haben wir auf unserer Rückreise in Südengland bei Sonne und 20°C erlebt, 40°C brauchen wir wirklich nicht. Wir bedanken uns an dieser Stelle bei den neun Freundinnen und Freunden, die uns auf dieser Reise begleitet haben und diese tolle Reise mit uns geteilt haben. Auch der Zuspruch, das Interesse und die Gedanken an uns, die uns aus der Ferne begleitet haben, taten uns gut! Danke.

Nun ist unsere große Runde beendet. Wir segelten in den Jahren 2025 und 2026 über Norwegen, Shetland und die Färöer Inseln, und Anke-Sophie überwinterte in Stornoway. Dann ging es über die Färöer Insel Suðeroy zur Ostküste Islands und wir umrundeten Island gegen den Uhrzeigersinn, um dann über Schottland, Nordirland, die Irische See, Wales und England schließlich entlang der Küste von Frankreich, Belgien und den Niederlanden bis Deutschland zurück zu unserem Heimathafen Stralsund zu segeln. Insgesamt dauerte die Reise 5.407 Seemeilen mit299 Tage an Bord.

Hier die Route der letzten Etappe

Und hier die gesamte Route für die Jahre 2025 und 2026

Hier die Details zu unserer Reise 2026:

3 Antworten zu “Zeebrugge – Stralsund”

  1. Liebe Annette, lieber Thomas, haben ja schon erfahren, dass ihr heil angekommen seid! Wie schön! Freue mich euren Blog zu lesen und will euch eine große Anerkennung für diese seglerische Leistung aussprechen. Bis demnächst in Berlin. Grüße von Christl

  2. Ihr Lieben, als 100%ige Landratte freue ich mich, Euch wieder auf sicherem Märkischen Sand begrüßen zu dürfen – eine komplette Untiefe für Anke-Sophie! Davor habt Ihr sie geschützt. Und Ihr müsst hier wieder das Laufen lernen – laufen im linken Berlin – viel Spass, Eure Hilli __________________________ Hiltrun Hütsch-Seide Stierstr. 2 D-12159 Berlin Tel.: +49 157 850 820 12

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