Reykjavík – Vestmannaeyjar – St. Kilda – Schottland

Wir nutzen Anke-Sophie als Ferienwohnung im Hafen „Brokey“ in Reykjavík direkt neben dem Konzerthaus „Harpa“ und verbringen unseren ersten Tag bei Dauerregen im Museum „Perlan“ bei mehreren sehr gut gemachten Rundum-Multimediafilmen über die Polarlichter und die Vulkane Islands sowie über die Gletscher. Den zweiten Tag nutzen wir für Einkäufe, Reparaturen an Bord, Wäsche waschen und einen Besuch der Ausstellung „Whales of Iceland“, in der wir uns sehr sehenswerte Filme und lebensgroße Modelle der Wale Islands ansehen. Sehr informativ ist der Film über den akustischen Lärm, der die Wale vor allem auf der Nordhalbkugel extrem belastet, vor allem durch den gigantischen Schiffsverkehr, das Sonar der Militärs und die Explosionen bei der seismischen Suche nach Erdöl und Erdgas.

Dann kommen Christl und Harald aus Berlin, um uns für eine Woche zu besuchen, bevor sie im Anschluss eine Rundreise um Island unternehmen. Zusammen mit Jan sind wir nun zu fünft und nutzen die Anke-Sophie zunächst als Fewo, um Landausflüge ins Landesinnere von Reykjavík aus zu unternehmen. Wir haben uns dafür einen Mietwagen für fünf Tage genommen. Zunächst fahren wir entlang des „Golden Circle“ und wandern durch die Schlucht zwischen den tektonischen Platten Amerikas und Europas bei Þingvellir. Dann sehen wir uns die  obligatorischen Geysire an und fahren zum Abschluss bis zum mächtigen Gullfoss, dem breiten Wasserfall, der sich hier beeindruckend über die Felsen stürzt. 2023 hatte ich es nicht bis hierher geschafft.

Wir nutzen unseren Mietwagen, um dieses Mal dem Hvalfjörður auf dem Landweg zu folgen bis zu seinem Ende, zu dem wir vor ein paar Tagen mit der Anke-Sophie wegen der tiefhängenden Hochspannungsleitung nicht kamen. Von dort geht es hinauf zum Parkplatz des Glymur, wo wir erst einmal erschrocken  sind über die weit über 100 abgestellten Autos und die Leute, die wir auf dem Wanderpfad finden, von geübten Wanderinnen und Wanderern bis hin zu Touristen in Badelatschen mit kleinen Hunden, die über jeden Stein getragen werden müssen. Der Weg führt uns durch eine Höhle und dann in steilen durch Seile gesicherte Steige hinauf zu verschiedenen Aussichtspunkten, von wo aus wir die Botnsá bewundern können, die hier als zweitgrößter Wasserfall Islands aus der Hochebene neben uns ins Tal stürzt.

Wir wollen wandern mit Blick auf die Gletscher und fahren deshalb bei bestem Sonnenwetter die Ringstraße nach Westen bis Hvolsvöllur und folgen der kleinen Straße 261, die in den Bergen zu einer Schotterpiste wird, bis zum Parkplatz des Þórólfsfell. Über Schafspfade steigen wir entlang einer Schlucht hinauf auf den 575 m hohen Berg. Wir haben einen fantastischen Blick auf die drei Gletscher: der Eyjafjallajölull liegt genau gegenüber, der Mýrdalsjökull westlich davon und der Tindjallajökull nördlich. Das Schmelzwasser aus den Gletschern fließt unter uns über unzählige mäandernde Flüsse Richtung Meer. Zurück geht es über steile Steinfelder hinab ins Tal und über die Schotterpiste zurück zum Auto, wo sich unser Rundweg nach 10 km schließt. Die nicht einfache Tour dauerte 4 ½ Stunden, da es meist über weglose Hänge den Tuffsteinberg hinauf und hinunter ging.

Wir besuchen das Hellisheiði-Kraftwerk 35 südöstlich von Reykjavík an der Ringstraße. Die Landschaft ist vulkanisch geprägt und mit Moos überwachsen. Von mehreren Seiten führen Leitungen von den Bohrungen bis zum Kraftwerk. Der gesamte Strom von Reykjavík wird hier CO2-neutral erzeugt. Aus den Tiefenbohrungen von 2000 – 3000 m wird Heißwasser von ca. 300°C und 8 bar gefördert. Damit werden die Turbinen betrieben. Außerdem wird Thermalwasser gewonnen, das über große Bassins gesammelt und mit natürlichem Gefälle nach Reykjavík geleitet wird, womit 98% der Haushalte mit Warmwasser für Duschen und Heizung betrieben werden. Wir hatten schon festgestellt, dass es immer nach Schwefelwasserstoff riecht. Außerdem wurde hier schon vor 20 Jahren eine Methode entwickelt, mit der Kohlendioxid in Basalt umgewandelt wird, die perfekte Methode, um aus der Atmosphäre CO2 zu extrahieren oder angeliefertes CO2 z. B. aus der Industrie umzuwandeln. Wir sehen uns nach dem Besuch der Ausstellung draußen die Technik vor Ort an. Island produziert seinen gesamten Strom bereits CO2-neutral und hat sich das Ziel gesetzt, im Jahr  2040 komplett CO2-neutral zu sein. Am letzten Abend helfen wir dann noch der Annabel J direkt vor uns anzulegen, die wir in Ísafjörður kennenglernt hatten. Sie kommen gerade aus Grönland zurück und sind die Autoren unseres Hafenhandbuches.

Es war seit Monaten geplant: Wir wollten uns die totale Sonnenfinsternis in Keflavik am 12.08.2026 um 17:48 ansehen. Wir wollten so weit wie möglich nach Westen fahren, um möglichst weit in den Kernschatten zu kommen. Wir waren schon gegen Mittag im Fischereihafen Sandgerði. Wir hatten mehrere Tage mit bestem Wetter bei Sonnenschein. Leider ist heute der Himmel komplett bedeckt und es regnet.  So können wir die totale Sonnenfinsternis nicht sehen. Stattdessen stehen wir an Deck und staunen, wie es plötzlich dunkel wird und wie es zwei Minuten später wieder hell wird. Hier ein Bild von der Hafeneinfahrt, plötzlich dunkel wie in der Winternacht. Jan wird uns hier nach fast 4 Wochen verlassen, leider kann er keinen Taxifahrer überzeugen, ihn abzuholen. Zum Glück findet er einen Bus, der vom Hafen um 05:19 zum Flughafen Keflavík fährt. Von Freunden bekommen wir dann doch noch Bilder der Sonnenfinsternis aus Gotland und Mallorca geschickt.

Nun geht es zu den Vestmannaeryjar, den Westmänner- Inseln. Da der Wind aus West erst für den Nachmittag angesagt ist, legen wir uns nach dem Abschied von Jan noch einmal in die Koje, bis wir um 09:00 Uhr die Leinen loswerfen, um die Westküste der Halbinsel nach Süden unter Maschine zu fahren und runden das Kap mit der Strömung. Leider finden wir draußen auf See eine starke Dünung vor und müssen den Versuch, die Segel zu setzen, aufgeben, da sie zu sehr schlagen. Erst um 15:00 Uhr setzt sich der Wind durch und wir segeln vor dem Wind mit ausgebaumter Genua mit zwei Halsen bis den Westmänner-Inseln. Leider wird es Mitte August selbst auf Island nachts dunkel, sodass wir uns in der Dunkelheit zwischen der vorgelagerten Insel und der Hauptinsel sehr vorsichtig hindurch tasten und in die Schlucht zwischen den Klippen einfahren, an dessen Ende wir die Hafeneinfahrt finden. Eine wirklich spannende Einfahrt, denn der Vulkanausbruch von 1973 hat die Hafeneinfahrt von Heimaey fast komplett mit Lava verschlossen, sodass der Weg um den erkalteten Lavastrom mäandert. Um 03:30 Uhr finden wir einen Liegeplatz an einem Schwimmsteg, müssen aber die Wassertiefe beobachten, denn durch Kopfrechnen komme ich auf 2,50 m Tiefe und wir haben einen Tiefgang von 2,40 m. Das könnte also knapp werden. Zum Glück scheint am nächsten Morgen wieder die Sonne, sodass ich den Abstand zwischen Ruderblatt und Hafengrund bei ablaufendem Wasser beobachten kann.

Wir bleiben insgesamt fünf Tage auf dieser verwunschenen, wilden Felseninsel im Atlantik vor der Südküste Islands. Zwei Tage zusammen mit Christl und Harald, mit denen wir das Dorf erkunden und das Heimatmuseum besuchen. Wieder einmal haben wir ein sehr interessantes Gespräch mit der netten Frau, die auf das Museum aufpasst. Sie erzählt von der Zeit des Vulkanausbruches, während der alle Menschen sofort mit den Fischerbooten evakuiert wurden, denn im Gegensatz zu heutigen vulkanischen Ereignissen, war der damalige Ausbruch nicht vorhergesagt worden. Zweihundert Häuser wurden verschüttet bzw. von den Lavaströmen vernichtet. Die Insel ist auf der Nordostseite um 20% gewachsen und es sind zwei neue Berge entstanden Der Helgafell und der Eldfell (Feuerhügel), auf den wir gemeinsam gewandert sind. Uns hat es sehr fasziniert, zu sehen, wie manche Lavabereiche in der Zwischenzeit bewachsen sind und wie viel im oberen Bereich noch aussieht, als sei der Ausbruch gestern gewesen. Dann ist die schöne Zei mit Christl und Harald leider schon zu Ende, sie nehmen die Fähre an Land, um nach dem Törn eine Rundreise um Island zu unternehmen. Annette und ich haben einen Tag für Vorbereitungen der Überfahrt nach Schottland. Wir wandern um den Hafen herum und ich besteige die Klippe Heimaklettur, die direkt nördlich der Einfahrt zum Hafen liegt. Es geht hinauf über steile Stiege und über 10 m hohe Holzleitern, die im Fels verankert sind. Dann kommt Olaf mit der Fähre an, wir freuen uns schon lange darauf, denn sein Besuch entlastet uns auf der fünftägigen Überfahrt nach Schottland. Als er eintrifft, weht noch ein Starkwind mit >40 kn, also 9 Bft, über die Insel. Obwohl der Wind bald deutlich nachlässt und auf Nordwest dreht, bleiben wir einen weiteren Tag im Hafen, um die extreme Welle zu vermeiden, die sich während des Starkwindes aufgebaut hat. Die Wetterprognose ist stabil und zeigt für mehrere Tage ruhige Winde Nordwest bis West, die ideal für unsere Überfahrt erscheinen, und wir leisten uns diesen extra Tag auf der Insel. Wir beobachten das Wetterfenster schon seit Tagen und sind froh, dass es so moderate und konstante Winde verspricht, was für den Nordatlantik nicht üblich ist.

Als wir am 19. August um 09:00 Uhr ablegen, genießen wir bei der Ausfahrt die Ausblicke auf die Felsen und die Vulkanlandschaft, die wir im Dunkeln bei der Einfahrt nur spärlich an einzelnen Stellen erleuchtet sahen. Draußen begrüßt uns leider  eine immer noch sehr starke alte Dünung aus Osten, während sich ein leichter Nordwestwind durchsetzt. Zunächst ist er zu schwach, um bei den Bewegungen in der Dünung segeln zu können, aber nach 5 Stunden unter Maschine setzen wir die Segel. Die Wellen begleiten uns noch einen Tag lang, wir werden aber nicht seekrank.

Die Inselgruppe der Vestmannaeryjar verschwindet langsam am Horizont. Nördlich von uns können wir weit entfernt noch Berge auf Island im Dunst erkennen, dann sind wir im Atlantik und nur noch Wellen und Vögel begleiten uns. Nein, wir sehen einen Buckelwal in unserem Fahrwasser, der schnell auf uns aufholt und uns eine Stunde mal rechts, mal links von uns, mal direkt vor uns oder achtern begleitet. Am nächsten Tag taucht eine Herde Langflossen-Grindwale auf und springt aus den Wellen. Ein anderes Mal treffen wir auf eine Schule Delfine. Was für ein Abschied aus diesen nordischen Gewässern!

Auch am zweiten Tag stört uns die Welle, die sich durch den Nordwestwind aufbaut und alter Dünung entgegenläuft. Da wir den Wind mehr oder weniger direkt von achtern haben, probieren wir verschiedene Möglichkeiten durch: Eine Zeit segeln wir mit dem Groß auf Backbord, durch einen „Bullen“ gesichert und die Genua ausgebaumt am Spibaum an Steuerbord. Das Schlagen des durchgelatteten Großsegels ist fürchterlich laut und erschüttert das ganze Rigg, was unbedingt zu verhindern ist. So entscheiden wir uns für die klassische Methode, wie ja auch Regattasegler vor dem Wind kreuzen. Das ist zwar eine längere Strecke, soll sich aber durch die höhere Geschwindigkeit lohnen. Leider nicht bei uns bei dieser See und den unsteten Winden, die um jede Wolke herum ihre Richtung und Stärke verändern. Nach einer durchlittenen Nacht nehme ich wutschnaubend das Groß herunter und baume die Genua an Backbord aus und die Fock an Steuerbord. So laufen wir eben unter Passatbesegelung und haben unsere Ruhe.

Dann wird die See ruhiger, wir setzen wieder Großsegel und Genua und können unseren Kurs meistens anliegen. Welch eine Wonne, in diesen Gewässern bei so ruhigem, beständigem Wetter segeln zu dürfen. Wir haben beinahe ideale Bedingungen, aber die Winddrehungen um die Schauerwolken herum erfordern vorsichtiges Steuern von Hand, aber wir nutzen den Autopiloten sowieso möglichst nur für kurze Momente, um Strom zu sparen. Am letzten Tag haben wir stabilere Winde aus NW bis West mit 15 – 20 kn. Hier kommt endlich die Windfahnensteuerung zum Einsatz, das Wunderwerk der Mechanik steuert uns gut durch die Wellen über Stunden hinweg. Immer wieder gibt es „Walalarme“ und wir zücken die Fotoapparate, um sie einzufangen. Ganze Schulen von Langflossen-Grindwalen und Delfinen begleiten uns, aber auch wieder einzelne Buckelwale.

Die letzte Nacht haben wir endlich einen klaren Sternenhimmel. Das erleichtert das Rudergehen erheblich, wenn wir einem Stern am Horizont folgen können, anstatt immer wieder auf den Kompass stieren zu müssen. Glücksgefühle steigen in mir empor, endlich mal wieder mit den Blicken der Milchstraße folgen zu können, der Himmel ist hier im Norden doch oft bedeckt. Und den Sternbildern: den Großen Bär (Ursa Major, großer Wagen) Steuerbord achtern zu wissen, direkt über dem Mast steht die Casiopaia (das Himmels-W), dazwischen der Nordstern und vor mir der Orion.

Dann sieht Annette in den Morgenstunden der vierten Nacht Land. Die Inselgruppe St. Kilda taucht vor uns auf. Die Spitzen eines Unterwassergebirges ragen aus dem Nordatlantik, 45 Seemeilen westlich von North Uist. Ein Ziel, das ich mir schon lange wünschte zu erreichen, liegt direkt vor uns auf dem Rückweg von den Westmännerinseln. Alle 12 Stunden wieder habe ich über mein Satellitenmodem IridiumGo! die Gribfiles heruntergeladen und das Wetter verfolgt. Es bleibt bei einer weiteren ruhigen Nacht mit leichten westlichen Winden und wir haben damit die Möglichkeit, in der Village Bay von Hirta gut geschützt zu ankern, um uns das alte Dorf anzusehen, das 1930 aufgegeben wurde und seit 1957 in einem Weltkulturerbe bewahrt wird. Das Dorf ist seit mindestens 2 Jahrtausenden bewohnt. Im kleinen Museum lesen wir einiges über das karge Leben, das die Menschen hier geführt haben. Es lebten kaum mehr als 100 Menschen hier von den Seevögeln, Schafen und Fischen. Die Seevögel wurden zu Zehntausenden gejagt und getötet, um Öl und Fleisch zu gewinnen. Heute leben nur noch die Betreiber einer Militärbasis ganzjährig hier und Vivien begrüßt uns als Rangerin, die  in den Sommermonaten hier lebt. Wir wandern die Hauptstraße entlang der 1830 gebauten Blockhäuser, die teilweise erhalten werden. Überall verstreut besichtigen wir die alten Speicher (Cleits), die der Landschaft ihren Charme geben. Der Blick über die Bucht ist wirklich einmalig und es ist schon ein spezielles Glück, hierher auf einem eigenen Boot gesegelt zu sein.

Die Wetterprognosen zeigen schon seit Tagen, dass der Westwind nun auf Süd und dann Ost drehen wird, weshalb wir uns entscheiden, nach einer kurzen Nacht um 03:00 Uhr in der Früh den Anker zu lichten, um bei frischem Südwind mit halbem Wind in den Sound of Harris zu segeln. Den Zeitpunkt wählen wir so, dass wir ihn mit dem Kippen der Strömung erreichen und so mit zusätzlichen zwei Knoten hineingeschoben werden. Wir steuern Leverburgh an, von wo Olaf mit dem Bus nach Stornoway fährt, um seine Heimreise anzutreten, da ihn zu Hause einige Aufgaben erwarten.

Zum Abschied gibt es ersten schottischen Fish and Chips. Annette und ich sind sehr froh, diese nicht einfache Reise rund Island so gut gemeistert zu haben, und genießen das sommerliche Wetter in Schottland.

2 Antworten zu “Reykjavík – Vestmannaeyjar – St. Kilda – Schottland

  1. Liebe Annette und lieber Thomas,Während Ihr Wind und Wellen trotzt, genießen wir unsere Zeit ebenfalls

  2. Liebe Annette, lieber Thomas,

    wünsche euch noch ganz viel leckere Fisch und Chips! War beeindruckt von den vielen Walen, die euch – auch relativ lange- begleitet haben. Wir waren zum Ende unserer Islandrundreise noch beim Whalewatching. Da ist es uns dann doch noch gelungen einen für eine Viertelstunde zu Gesicht zu bekommen. Die Wale wissen schon wen sie gerne begleiten …

    Habt weiter eine sichere und gute Zeit!

    Liebe Grüße

    Christl

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