Unser Crewbesuch dieser Etappe hat eine Anreise, wie sie nicht weiter sein könnte, nämlich aus Australien, wo Göran mit Familie seit 1 ½ Jahren lebt. Er kommt mit einem Elektro-Mietwagen vom Flughafen Kéflavík nach Hólmavík. Wir nutzen den Wagen für einen Tag und dann übernimmt Andreas ihn für die Rückreise zum Flughafen. Am nächsten Morgen klarieren wir das Schiff früh, tanken Wasser und einen Kanister Diesel und verabschieden uns von Andreas, der nun zwei Tage alleine Ziele auf der Insel besichtigt. Göran, Annette und ich segeln die spektakuläre Nordküste der Nordwesthalbinsel in einem Stück entlang. Ich hatte zwar geplant als erstes den Reykjafjörður hineinzusegeln, um die alte Heringsfabrik und das Schiffswrack zu besichtigen, die ich auf dem Landweg schon 2023 gesehen habe. Auch wollte ich in der Bucht südlich der Halbinsel Kálfatindar ansteuern, um die wir damals eine tolle Wanderung hatten und das Thermalbad mit spektakulärem Meeresblick noch einmal zu nutzen. Leider spielt das Wetter nicht mit. Der günstige Südwind wird nur zwei Tage wehen und danach sind die Winde für längere Zeit ungünstig für dieses lange Stück. So entscheiden wir uns, ohne Zwischenstopp bis zu der Bucht Hornvík am Horn zu segeln. Ich zeige aber nachfolgend einige Bilder vom letzten Besuch der verpassten Ziele.








Der Südwind bläst leider nicht so kräftig und durchgängig wie angekündigt, sodass wir immer wieder Passagen motoren müssen. Als wir das Horn schließlich erreichen, wissen wir aus den aktualisierten Wetterdaten, dass der Wind am Nordwestkap früher auf Westen drehen wird als gedacht, sodass wir uns auch hier entschließen, die Bucht auszulassen und lieber durchzusegeln, um am Ende eine lange Kreuz bei frischem Wind aus West zu verhindern. Die spektakulären Berge und Gletscher sind in schwere Wolken gehüllt. Diese Gebiete können nur von See aus erreicht werden, es gibt keine Straßen, nur Wanderwege durchziehen die Berglandschaft. Die nordwestlichsten Klippen Islands sind gewaltig und im Dämmerlicht verfolgen wir die Blicke auf Fjorde und hohe Felswände, während der böige Wind zunimmt und wir mit der Strömung an dieser unwirklichen Kulisse entlangrauschen. Ich hatte uns zuvor zurechtgelegt, dass der Tidenstrom entweder um 2 oder um 14 Uhr mit uns setzt und wir haben Glück, dass dies so passt. Kurz vor Ende der Tour löst sich die Automatikweste von Göran mit einem Knall aus. Der erste Segeltag dieser Etappe dauert etwas mehr als 24 Stunden und wir gönnen uns nach dem Ankern im Hesteyrarfjörður heißen Tee und Spiegeleier und verschwinden in unseren Kojen.












Den Tag verbringen wir gemütlich an Bord, die Dieselheizung wärmt uns, wir ruhen uns aus und Annette kocht für uns wieder ein gutes Essen. Die Nacht über hatten wir viel Regen und Fallböen, aber am Morgen bessert sich das Wetter und wir blasen das Dinghi auf und setzen an Land über. Wir wandern zu einem nahe gelegenen Dorf, wo in einem tollen alten Holzhaus ein nettes Café im Sommer betrieben wird. Wir treffen auf der Wanderung in den Bergen auf einen jungen Polarfuchs, zurück am Strand beobachten wir Robben, Wildgänse und Singschwäne.













Am nächsten Morgen kehren wir zurück in den Hauptfjord Jökulfirðir, von dem fünf Seitenfjords abgehen. Wir haben uns als nächstes den Leirufjörður am südlichen Ende ausgesucht, da dieser uns den direkten Blick zum Gletscher Drangajökull gibt. Die Einfahrt wird durch eine felsige flache Barre versperrt. In der nautischen Literatur wird eine Passage durch die Riffs beschrieben, der wir sehr langsam und vorsichtig folgen, um im Inneren einen Ankerplatz auf 7 m zu finden mit dem fantastischen Blick auf das Eis, das zunächst in den Wolken, dann aber bei klarem Himmel zu sehen ist. Wir sind umschlossen von Felswänden. Der Wind bläst stark, sodass niemand Lust verspürt, mit dem Dinghi anzulanden, so betrachten wir den Gletscher von Bord aus, um an seinen Fuß zu wandern, wäre es sowieso zu weit gewesen.













Dann zieht es uns in den Hafen von Bolungarvík, der im großen südlichen Hauptfjord Isafjarðardjúp liegt. Vor dem Hafen treffen wir auf einen Buckelwal, den sich Göran unbedingt gewünscht hat. Nach dem Anlegen geht es gleich ins Schwimmbad zum Duschen, in den Hotpot und in die Sauna. An Bord genießen wir die Sonne im Windschatten und haben ein seltenes Gefühl von Sommer. Zum Abendessen finden wir ein Restaurant, das in einem sehr schönen alten Holzhaus liegt. Der Gang durch das Dorf zeigt eine seltsame Mischung von Fischereigebäuden, Industriegebäuden sowie alten und neuen Wohnhäusern. Am Morgen gehen wir in einem „Tante-Emma-Laden“ einkaufen. Die 69-jährige Eigentümerin erzählt uns, wie sich alles geändert hat, als das Dorf 2010 mit einem Tunnel an das Straßennetz angeschlossen wurde. Als Folge schloss der Supermarkt und die Apotheke, da die Leute nun in Ísafjörður einkaufen. Aber wir schätzen die Infrastruktur schon insgesamt als positiv ein, denn sonst würden die Einwohner sicherlich das Dorf verlassen, um sich eine größere Stadt zum Leben zu suchen.





Wir segeln in den Isafjarðardjúp hinein und steuern die Insel Vigur an, vor der wir ankern, um mit dem Dinghi überzusetzen, um wie in der Navigationsliteratur empfohlen zu fragen, ob wir die Insel umrunden dürfen. Die Vögel verteidigen lautstark die Insel, wir sehen unter anderen Papageientaucher und Gryllteisten. Die Häuser sehen sehr einladend aus. Als wir niemanden vorfinden, beginnen wir einen Rundweg um die Insel und treffen dabei auf die britische Besitzerin, die uns erbost von der Insel verweist. „Wir würden uns auch nicht freuen, wenn in unserem Vorgarten einfach Leute herumspazierten“. Sie meinte, wir hätten uns zuvor im Internet erkundigen und anmelden sollen. Auf diese Idee kamen wir nicht, wir wollten anklopfen, auch am Pier war kein Hinweis auf ein Verbot des Betretens sichtbar. Das war unser erstes unfreundliches Erlebnis in Island.












Am nächsten Tag treffen wir vor der Insel Æðey den isländischen Traditionssegler Byr und sprechen mit dem Eigner. Er bestätigt uns das aufbrausende Verhalten der Eigentümerin, er hatte das gleiche Erlebnis und betrete die Insel nicht mehr, da er keine Lust habe, sich von unfreundlichen Leuten verjagen zu lassen. Wir wandern auf dem nahen Festland bei Dalsvík, da wir den Eigentümer der Insel telefonisch nicht erreichen können.






Am Abend entscheiden wir uns den Ankerplatz zu wechseln, da in den Morgenstunden Wind aus Südost zu erwarten ist. Wir finden gegenüber bei Selvík eine Bucht, die in der Karte unzureichend kartiert ist, und haben dort trotzdem eine sehr ruhige Nacht. Am Morgen segeln wir bis Súðavík, wo uns der nette Hafenmeister Brian des kleinen Fischerhafens, der vor 40 Jahren aus Kalifornien eingewandert war, alles erklärt und wir im nahen Zeltplatz bezahlen, duschen und Wäsche waschen können. Annette und ich wandern durch das nahe Tal in die Berge.




Und nun geht leider die Zeit von Göran an Bord zu Ende, wir segeln nach Ísafjörður und legen uns an den Kopf des Piers in der inneren Bucht Pollur. Wir freuen uns an den alten Häusern und gehen ins Café und am Abend ein letztes Essen im Restaurant.















Eigentlich wollten Annette und ich gleich wieder in die Fjorde segeln, aber der Blick in die Wettervorhersage zeigt uns für drei Tage Südwinde von 30 bis 55 kn. Da bleiben wir lieber an unserem Pierende liegen und unternehmen viel in der kleinen netten Stadt. Wir besuchen das Kulturhaus, gehen einkaufen und hören uns ein Konzert an. Kristinn Sigmundsson (Bass) und Kolbeinn Jón Ketilsson (Tenor) singen sehr eindrucksvoll isländische Lieder begleitet von Bryndís Magnúsdóttir (Piano). In der zweiten Hälfte bekommen wir lustiger Weise viele deutsche Lieder neben italienischen und norwegischen zu hören. Die Zeit an Bord ist sehr gemütlich, draußen pfeift der Wind, und ab und zu prasselt ein Schauer über das Deck und die Bucht ist voller Schaumkronen.
Dann zieht es uns wieder hinaus. Wir ankern im Seyðisfjörður hinter einer Landzunge, auf der eine Kirche steht. Leider ist das Ufer am Rand sehr flach und dann recht abschüssig, sodass wir leider zu nahe am Ufer ankern müssen. Ich schalte Anker- und Tiefen- sowie Flachalarm ein, um sofort zu bemerken, wenn wir driften sollten. Ich stehe öfters auf, um nach unserer Position zu sehen.


Da leider schon wieder kräftiger Südwind angesagt ist und dieser die Fjorde entlang pfeifen wird, entscheiden wir uns den Hafen Súðavík noch einmal anzulaufen. Der Hafenmeister Brian begrüßt uns freudig und wir verbringen hier drei Nächte und wettern in diesem gemütlichen Ort ab, während draußen der Fjord weiß vor aufgewühlter See wird. Der Fischer hinter uns hat uns Fisch geschenkt, Annette hat ihm ein Stück vom selbst gebackenen Apfelkuchen als Gegengeschenk gegeben, was ihn sehr gefreut hat. Wir haben lange miteinander auf Englisch gequatscht. Wir denken dann immer, in Deutschland würden die Fischer wahrscheinlich nicht so gut Englisch sprechen. In den kleinen Ländern lernen die Leute eben mehr Sprachen, um kommunizieren zu können. Im Ort sind 1995 durch eine Lawine aus den Bergen 14 Leute umgekommen, 10% der Einwohner Der Fischer darf seitdem nur noch in den Sommermonaten in seinem Haus leben, im Winter muss es aus Sicherheitsgründen leerstehen, weil es in einem gefährdeten Gebiet steht. Er lebt dann in der Nähe von Reykjavik In anderen Orten sehen wir immer wieder riesige Schutzwälle gegen die Lawinen. Er bietet uns sein Auto an, wenn wir in Ísafjörður einkaufen gehen wollten. So nett sind die Leute hier!
Wir verbringen noch einen Tag mit Arbeiten am Schiff und verlegen uns dann nach Ísafjörður, um dort Jan zu empfangen.