Überfahrt nach Island

Annette und ich leben zwei Wochen an Bord der Anke-Sophie in Stornoway, um unser Boot für die Abfahrt vorzubereiten. Neben der Arbeit bleibt Zeit für Wanderungen und Austausch mit anderen Seglern, die nun zum Ende der Winterpause nach und nach zu ihren Booten zurückkehren. Hans-Martin kommt am 6. Mai leider einen Tag später als erwartet an, da sein Flugzeug einen Triebwerksschaden hatte.

Das gute beständige Wetter der letzten Wochen mit einem kräftigen Hoch mit 1033 hPa über Großbritannien ist vorbei und nun zieht das erste Tief auf die Färöer Inseln zu und versperrt uns den direkten Wind nach Island. Am 6. Mai hätten wir noch auf der Ostseite des Tiefs mit kräftigem Rückenwind in Richtung Färöer aufbrechen können. Da das nicht mehr geht, entscheiden wir uns trotz des Gegenwindes auf der Rückseite des nach Nordosten abziehenden Tiefs für die Passage zu den Färöern am Abend des 8. Mai, nachdem der Wind abnimmt. Der Wind sollte zunächst moderat aus Westen kommen und dann auf Nordwest drehen. Für uns prognostiziert das Routing mit PredictWind zu 60% Kurse hoch am Wind und zu 40% raume Kurse mit Winden zwischen 10 und 20 Knoten, was wir für machbar halten, vor allem da sich dies als die beste Option der Abfahrtsplanung für die nächsten Tage darstellt.

Die Überfahrt zu den Färöer Inseln ist dann doch anstrengender als erwartet, da der Wind sehr böig ist und wir deshalb mehrmals die Segel wechseln müssen. Auch ändern sich unsere Kurse ständig, wir müssen sozusagen um jede Schauerwolke herumsegeln. Auch ist natürlich die Welle mit 4 bis 5 Metern nach dem Tief alles andere als angenehm. Und die nördlichen Winde sind besonders nachts lausig kalt. Da fragt sich schon jeder für sich an Bord, warum machen wir das eigentlich? Wir sind froh, dass wir zu dritt sind und so zwischen den Wachen recht viel Zeit bleibt, um sich auszuruhen und im Schlafsack aufzuwärmen. Wie durch die Prognosen erwartet, nimmt der Wind im mittleren Drittel leider so ab, dass bei der noch starken Welle ein Segeln nicht ohne Motorhilfe möglich ist und die Segel schlagen. Es sind dann aber auch immer wieder Wachen dazwischen, die ein schönes Segeln bei leichten Winden ermöglichen.

Am letzten Abend empfangen wir eine Navtex-Meldung, die das nächste schlechte Wetter ankündigt:

WEATHER SUMMARY: THE FAROES ARE PLACED BETWEEN A LOW 1000 HPA OFF LOFOTEN ISLANDS AND A HIGH 1036 HPA OVER N ATLANTIC. COLD AIR WITH WINTERLY SHOWERS FLOWS THIS EVENING AND NIGHT TOWARDS THE FAROES FM NW AND N. TONIGHT A RIDGE OF HIGH PRESSURE WILL BE OVER THE ISLANDS WITH ALMOST NO WIND FM VAR DIRESTIONS. TONIGHT A LOW WILL DEEPEN BETWEEN ICELAND AND GREENLAND CAUSING A W FLOW. A FRONT WITH RAIN WILL PASS TOMORROW AFTERNOON.

Im letzten Drittel frischt der Wind wieder auf und wir sind sehr glücklich, dass wir unser Ziel Vágur auf Suðuroy direkt anliegen können, denn statt dem angesagten Nordwind erlaubt uns ein Nordostwind einen Zieleinlauf ohne Aufkreuzen. Nach 208 sm und 50 Stunden ist es ein tolles Gefühl, in einen uns bestens bekannten Hafen einzulaufen, wo der Hafenmeister schon am Pier auf uns wartet und wir einen Stromanschluss für die Heizlüfter haben und uns eine heiße Dusche und Annettes Küche aufwärmen.

Wir waren letztes Jahr zwei Mal hier, haben den Ort in unser Herz aufgenommen und genießen das Leben hier, es ist alles beim Alten, die Leute erkennen uns wieder. Wir dürfen wieder stundenlang in der Touristeninformation den WLAN und einen Tisch nutzen, um unsere Dinge und die weitere Reise zu organisieren. Daneben bleibt Zeit für eine Wanderung zur spektakulären Westküste und gemütliche Abende an Bord, während draußen schon wieder Sturmböen und Regen- sowie Hagelschauer das Schiff an die Pier drücken, gut abgefendert mit unserem Fenderbrett, um das Schiff vor den schmutzigen LKW-Reifen zu schützen.

Nach drei Tagen öffnet sich das nächste Wetterfenster für eine Überfahrt nach Island. Wieder versuchen wir mit PredictWind und dem Wetter-Routing unsere Abfahrt unter Beachtung der Strömung zwischen den Inseln und der Windverhältnisse während der dreitägigen Überfahrt zu optimieren.

Wir entscheiden uns für ein Auslaufen am 13. Mai um 18 Uhr, da dies insgesamt die ruhigsten Bedingungen für die Überfahrt verspricht und wir damit die kritische Stelle am Südkap von Suðuroy bei möglichst günstigen Strömungsbedingungen um 21 Uhr  passieren. Die Rák-App und die Strömungskarten helfen uns dabei, die gefährlichen „Overfalls“ zu vermeiden. Wir meiden auch die Felsen Sumbiarsteinur südlich des Kaps und runden das Kap mit 5 Seemeilen Abstand, um auf der sicheren Seite zu sein. Eigentlich führt uns der kürzere Weg nördlich zwischen den Inseln Suðuroy und Sandoy hindurch. Wir haben uns aber wegen des zunächst kräftigen Nordwindes mit 27 kn in Böen beim Auslaufen entschieden, nicht gegen diesen anzukreuzen, sondern den einfacheren, aber längeren Weg unten herum zu nehmen, um dann nach dem Kap soweit anzuluven, wie wir das als nicht zu unangenehm empfinden. Denn es steht nach dem letzten Frontdurchgang noch eine ordentliche Welle und wir wollen mit dem Schiff nicht zu sehr stampfen.

Das Wetter wird von einem Hoch mit 1035 hPa über dem Atlantik und einem Tief über Großbritannien und Norwegen bestimmt. Die Prognosen versprechen, dass sich ein Hochdruckkeil ausbilden soll und das Wetter ruhiger werden wird. Nach einer Flaute sollte der Wind auf Südost drehen, also von hinten kommen. Es ist ein gutes Gefühl, zwar bei ordentlich Wind loszusegeln, aber zu wissen, dass es insgesamt hoffentlich eine ruhige Überfahrt werden wird.

Vor der Abfahrt hatten wir uns vorab in Island angemeldet und auch eine Antwort zu unserem geplanten Zielhafen erhalten:

Sir, Djupivogur is not an port of entry and you cannot go there. The closest entry harbors for you are Höfn í Hornafirði ISHFN or  Fáskrúðsfjörður (ISFAS), Reyðarfjörður (ISRFJ). You need to change you plan accordingly.

Snorri Hrafnkelsson, Icelandic Coast Guard, Operations, JRCC Iceland

Während der Fahrt diskutieren wir die Optionen. Zunächst wählen wir Höfn aus, jedoch kommen mir bei den Beschreibungen aus den Büchern Zweifel, ob das eine gute Idee ist, denn die Einfahrt gilt als die schwierigste in ganz Island, wegen der dahinterliegenden Lagune können Strömungen bis zu 10 kn stehen, wenn  man zur falschen Zeit einläuft. Der Hafen wird nicht bei schwerem Wetter empfohlen. Zwar sind nur 20 Knoten aus SE vorhergesagt, aber insgesamt scheintFáskrúðsfjörður für uns am geeignetsten, auch wenn dort der Yachthafen für uns zu flach ist.

Hans-Martin stellt einen Wachplan auf, nachdem immer eine oder einer am Ruder ist, einer in Bereitschaft und einer Freiwache hat. In einer meiner Wachen aktiviere ich nach langer Zeit die Windfahnensteuerung und bin begeistert, dass sie noch funktioniert, ein Wunderwerk der Mechanik.

Nachdem sich auf der Überfahrt der anfänglich starke Wind abschwächte, und damit auch die Welle, haben wir eine angenehme Überfahrt. Die angekündigte Flaute ist kürzer als gedacht und nach einer Stunde Motor dreht der Wind auf Südost und wir können unter Schmetterling mit ausgebaumter Genua und Groß unserem Ziel entgegen segeln. Über Nacht nimmt der Wind auf 18 kn zu und wir werden mit über 9 kn SOG zu schnell und entschließen uns, das Groß zu bergen und nur unter Genua weiterzusegeln. Leider empfängt uns Island von seiner ungemütlichen Seite. Es setzt Nieselregen ein, die Temperatur sinkt auf 0°C und wir haben viel Welle und wenig Sicht. Dann erscheinen durch den Dunst die ersten schneebedeckten Berge und wir segeln in den 8 nm langen Fjord Fáskrúðsfjörður. Am Ende finden wir einen Platz am Fischkai zwischen riesigen Arbeitsbooten der Fischfarmen. Der Gezeitenhub liegt bei 1,80 m und wir liegen bei Niedrigwasser unterhalb der riesigen Autoreifen ungeschützt, sodass wir basteln müssen, um das Boot gut abzufendern. Wir sind glücklich, die Überfahrt von den Färöer Inseln nach Island mit 307 nm mit dem günstigen Wetterfenster in 62 Stunden zu dritt gut gemeistert zu haben.

Wir fragen uns durch und dürfen im nahegelegenen Sportzentrum duschen und ruhen uns erst einmal aus. Später lernen wir den netten Hafenmeister Ketet kennen und bei einem Espresso an Bord gibt er uns jede Menge Tipps. Annette kocht uns aus schottischen Beständen Wirsing mit Haggis und wir schlafen uns erst einmal ordentlich aus.

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