Die angekündigten Schneeschauer kamen und wir hatten Ende Mai etwas Schnee an Deck. Wir nutzen eine Lücke im kräftigen Ostwind und segeln von Þórshöfn über die Bucht nach Raufarhöfn, wo wir uns am Pier in Windrichtung legen. Wieder kommt das Fenderbrett zum Einsatz, um das Boot von den Autoreifen abzuhalten. Leider ist hier nur eine Reihe dieser schwarzen Ungestüme angeordnet, was bedeutet, dass wir bei Niedrigwasser unter den Reifen an die Spundwand rutschen und die Reifen an die Reling drücken könnten. Nach einigem Basteln verlassen wir das Schiff Richtung Einkaufsladen, als auch noch der Regen einsetzt. Dauerregen bei 3°C ist wirklich nicht angenehm, wenn einem der Regen mit 8 Bft. in die Gesichter weht. Gut, dass wir es uns unter Deck wieder gemütlich machen und unsere Nasen in die Bücher stecken können. Wir haben etwas über Island recherchiert: Island hat eine Fläche von 103.000 km² während Deutschland 358.000 km² hat, es ist also ca. 3,5-mal so groß ist. Island hat 386.500 Einwohner während Deutschland 83,5 Mio Einwohner zählt, das sind 216-mal so viel, was bedeutet, dass in Island nur 3,8 Einwohner/km² leben, während sich in Deutschland 233,6 Einwohner auf einem Quadratkilometer drängeln. Die Isländer scheinen gesünder zu leben als die Deutschen, denn die Lebenserwartung der Männer liegt bei 81 statt 79 Jahren in Deutschland und die der Frauen bei 85 statt 83 Jahren. Das, obwohl wir hier auch viele Übergewichtige sehen …

Am nächsten Morgen hat der Regen aufgehört, der Wind bläst immer noch und wir streifen zum Leuchtturm und zum Arctic Henge (isländisch: Heimskautsgerði). Das arktische Denkmal wurde vom Künstler Erlingur Thorosdsen geplant und wird seit 2002 errichtet und soll sicherlich der nördlichsten Stadt Islands zu mehr Tourismus verhelfen. Wir wandern im Nebel auf den Hügel und sehen keine Sonne um die Bögen.



Dann haben wir einen günstigen Ostwind mit 12 – 20 kn, der uns gut um das Kap und bis zur vorgelagerten Insel Grímsey bringt. Das Anlegen dort war nicht einfach, da der kleine Hafen Sandvík überfüllt mit Fischerbooten war, wir machten drei Anläufe, wobei wir auf die Fallböen achten mussten. Letztlich hat uns der Hafenmeister Steinn auf den Platz der Fähre verwiesen, die gerade das Anlegepier verlassen hat. Wir liegen also wieder an unseren ungeliebten dicken Autoreifen.





Die Insel ist die nördlichste besiedelte Gegend Islands und hat eine Besonderheit. Der Polarkreis (Artic Circle) läuft über die Insel und wir wollen diesen besuchen. IhrBreitenkreis liegt auf 66° 33′ 55″ (66,565°) nördlicher Breite, auf dem die Sonne an den beiden Tagen der Sonnenwende gerade nicht mehr auf- bzw. untergeht. Der Künstler Kristinn E. Hrafnsson hat mit dem Entwurf seiner Skulptur „Orbis et Globus“ einen Wettbewerb gewonnen. Dabei wird die Basaltkugel mit einem Durchmesser von drei Metern auf den durch Grímsey verlaufenden Polarkreis positioniert. Jedes Frühjahr soll die Position der Kugel korrigiert werden, da der Polarkreis Jahr für Jahr aufgrund der Achsenneigung der Erde um ca. 14,5 Meter nach Norden wandert, um dann im Jahr 2047 das Ende der Landzunge zu erreichen. Die Kugel wird dann an dieser Position verharren, bis der Polarkreis sich wieder Richtung Süden bewegt. Da dieses Jahr die Position der Kugel noch nicht angepasst wurde, musste Annette die Kugel auf die von uns berechnete Stelle schieben. Eine weitere Wanderung bringt uns zum Leuchtturm am südlichen Ende der Insel.


Wir genießen die kurze Zeit auf Grímsey, denn die Fähre kommt am Mittwoch um 12 Uhr und wir müssen den Anleger frei machen. Die Menschen sind sehr freundlich zu uns, alles scheint für das Leben der 60 Einwohner gut organisiert zu sein. Der Einkaufsladen öffnet täglich um 15 Uhr für eine Stunde und die beiden Frauen betreiben am Abend das Restaurant, wo wir leckeren Fisch essen. Das Schwimmbad öffnet um 17:30 Uhr für 1 ½ Stunden. Steinn, der Hafenmeister, managt die vielen Fischerboote, die ihren Fang anlanden, der gleich in einer Halle ausgenommen wird, und die Fähre transportiert den Fisch für die weitere Verarbeitung nach Dalvík. Wir versuchen es uns vorzustellen, wie ein Leben hier aussähe. Jeder hätte mehrere Aufgaben in einer Gesellschaft, wo jeder jeden kennt. Mit einer Frau unterhalten wir uns und erfahren, dass sie gerne mit ihren Kindern hier leben würde. Sie haben sogar überlegt, die Schule wieder zu öffnen, aber für 3 Kinder sei es halt schwierig, wenn eines ans Festland muss und ein anderes krank wird, dann hat der Lehrer nur noch eines zu unterrichten. Im Winter leben nur 15 Leute auf der Insel, da stellt man sich das Leben bei langer Dunkelheit, Schnee und Sturm weniger angenehm vor.




Nach zwei Tagen geht es zurück ans Festland zum Hafen Húsavík. Als wir ankommen, wird uns schnell klar, dass hier nicht mehr die Fischerei, sondern „Whale Watching“ im Mittelpunkt steht. Für uns ist es ein unverständlicher Anblick, wie hunderte Touristen in farblich gleichen Jacken und mit Rettungswesten ausgestattet auf die Boote verteilt und aufs Meer gefahren werden. Jeder zahlt 150 €, aber wer sieht einen Wal?




Wir haben andere Probleme. Annettes linkes Auge ist nicht besser geworden, seit über zwei Wochen ist es rot, tränt und sticht. Wir besuchen das örtliche Krankenhaus und ein netter junger Arzt führt Annette und mich in ein Behandlungszimmer, das immerhin wie beim Augenarzt ausgerüstet ist. Er macht jede Menge Untersuchungen und kommt nach einem Farbtest zum Ergebnis, dass die Hornhaut von einem Herpes-Virus befallen ist. Er macht Fotos davon, bespricht sich mit anderen Ärzten und verschreibt Tabletten und eine spezielle Augensalbe. Er empfiehlt dringend, dass Annette einen Augenarzt aufsucht. Es gibt diesen aber in ganz Island nur in Reykjavík in der Uniklinik. Er macht für uns einen Termin für den nächsten Tag um 13 Uhr. Uns sitzt der Schreck wegen der bisher falschen Behandlung in den Knochen und wir besprechen die Optionen, wie wir nach Reykjavík kommen. Für einen Bus ist es zu spät. Einen Flug bekämen wir von Akureyri am frühen Morgen, aber der erste Bus würde den Flughafen nur eine halbe Stunde vor Abflug erreichen, das ist uns ein zu hohes Risiko, also bleibt ein Mietwagen für einen Tag. Wir können zum Glück spontan einen mieten und diesen schon am Abend abholen, um dann am frühen Morgen die fast 500 km Landstraße bis Reykjavík zu fahren. Maximalgeschwindigkeit ist 90 km/h. Wir rechnen mit 6 Stunden Fahrt. Der Termin klappt, die junge Augenärztin wiederholt die Untersuchungen und bestätigt den Virusbefall. Annette hat bereits die richtigen Medikamente genommen und sie beruhigt uns, dass die Erkrankung nicht im Sichtfeld und nur in der äußeren Schicht der Hornhaut sei. Wir bekommen eine weitere Verschreibung und dann geht es auch schon wieder auf die 6-stündige Rückreise mit den gleichen ca. 500 km. Die tolle Landschaft können wir nur teilweise genießen, vor allem weil es sich auch noch einregnet. Wir kommen müde und spät beim Schiff an und fallen nach einem Bier ins Bett. Was für zwei Tage haben wir hinter uns.



Am dritten Tag in Húsavík entschädigen wir uns mit einer schönen Wanderung auf den Hausberg bei bestem Wetter. Beim Rückweg können wir in der Sonne picknicken und für unseren Mittagsschlaf auf einer Wiese liegen, welch Kontrast zu den Bedingungen bei unserer Ankunft in Island, wir fühlen den Sommer kommen. Danach besuchen wir den nahen Campingplatz für eine Dusche und haben einen gemütlichen Abend an Bord.




Das nächste Ziel ist die kleine Insel Flatey, die nur 15 nm westlich liegt. Wir segeln sehr angenehm bei halbem Wind mit 3 Bft , als wir weit voraus den Blas eines Wals sehen. Wir steuern darauf zu und sehen, dass es zwei kleinere Buckelwale sind, die langsam dahinziehen, immer wieder abtauchend. Als wir sie erreichen, rollen wir die Genua ein und fieren die Großschot, um unsere Geschwindigkeit an ihre anzupassen. Wir sind andächtig, diese großen Meeressäuger wieder so nahe bei uns sehen zu dürfen. Wir unter Segeln machen keinen Lärm wie die Touristenboote. Nach einer Weile ziehen sie weiter, wir rollen die Genua wieder aus und nähern uns später unter Maschine vorsichtig dem Betonpier auf der Südseite der Insel. Da der Wind in der Nacht aus Osten kommen soll, wählen wir die Westseite, können aber nur am Ende der Pier liegen, weil es gleich zu flach für uns wird. Die paar Häuser auf der Insel werden nur noch in den Sommermonaten genutzt. Wir wandern am Abend und am nächsten Morgen und beobachten die vielen Vögel auf der Insel. Besonders die Küstenseeschwalben kreischen über uns, wohl um uns zu vertreiben, wenn wir ihren Nestern zu nahe kommen. Wir haben unsere Wanderstöcke dabei, um sie anzuheben, falls die Vögel uns angreifen, denn sie zielen immer auf den höchsten Punkt des Störenfriedes. Nachfolgend Bilder von Küstenseeschwalbe, Eiderdaunenenten, Strandläufer und Puffin.
























An Bord produziert der Windgenerator bei dem stärker werdenden Wind unseren Strom (er ist immer noch sehr laut, da die Lager kaputt sind), denn hier gibt es weder Strom noch Wasser. Wir sind für uns, nur eine Familie sehen wir beim Hausbau von Ferne. Am Nachmittag hat der Wind zugenommen und leicht auf ENE gedreht, sodass leider starker Schwell um die Ecke des Pierendes unser Boot zum kräftigen Rucken an den Festmachern bringt. Trotz der Ruckdämper schlägt das Boot so sehr, dass wir uns vorzeitig zum Ablegen zwingen, bevor das Schiff Schaden nimmt. Das ist nicht einfach, denn das Schiff hängt bei 25 kn Wind von der Seite kräftig in den Festmachern, die wegen der Länge (für die Tide) nicht auf Slip gelegt sind.
Vor dem Wind segeln wir mit ausgebaumter Genua nach Westen und umrunden das Kap zum Eyjafjörður bei Flaute. Im Fjord nach Akureyri setzt sich dann leichter Wind aus Süden durch. Wir hatten inzwischen aus Vorsicht auf die Fock gewechselt, da wir bei dem kräftigen Wind mit Fallböen rechnen, das ist aber nicht der Fall, sodass wir zurückwechseln müssen, um unser Ziel, die Insel Hrísey, zu erreichen. Sie liegt im ersten Viertel des Fjordes umgeben von herrlichen schneebedeckten Bergmassiven. Im Hafen wollen wir gerade in der Südostecke festmachen, als laut hupend eine Fähre einläuft und uns dort verjagt. Nach einem späten Abendessen fallen wir erschöpft ins Bett, denn eigentlich war diese Fahrt ja erst für den nächsten Tag gedacht.




Der nächste Morgen entschädigt uns mit warmem Sonnenwetter und wir brechen gleich zu einer Wanderung um den Südteil der Insel zu den Klippen auf, denn es soll sich später bewölken. Fantastische Ausblicke öffnen sich für uns aus der Mitte des Fjords zu den umliegenden schneebedeckten Bergen, die über dem Wasser zu schweben scheinen. Wir streifen blühende Wiesen und Heidelandschaften mit Krähenbeeren.




Ein Fischer entlädt den Fang der letzten Nacht und schenkt uns einen Schellfisch, der gleich von uns geschuppt und filetiert wird. Die Möwen streiten sich um den Rest im Hafenbecken und wir haben wieder für drei Tage Fisch satt.




Es wird ja schon lange nachts nicht mehr dunkel. Die nachfolgenden Bilder wurden um 23 und um 24 Uhr gemacht, damit ihr ein Gefühl bekommt. Der nächste Tag führt uns zum Leuchtturm im Süden der Insel auf ein Privatgrundstück. Wir sollen zuvor anrufen und treffen später die Eigentümerin beim Eiderentendaunen sammeln.









Wir haben viel Zeit, da wir die ersten Tage in den Ostfjorden schnell vorangekommen waren, und genießen das Inselleben insgesamt fünf Tage, bevor wir an das westliche Festland des Eyjafjörður wechseln, nach Dalvík, um dort eine Wanderung in ein tiefes Seitental zu unternehmen.







Nach Akureyri am Ende des Fjordes fahren wir mit dem Bus, denn wir haben beobachtet, dass bei nördlichen Winden eine sehr kräftige Seebrise mit 35 kn (im Hafen gemessen) wehen kann. Wir wollen den 30 Meilen tiefen Fjord nicht mit unserem Schiff gegen diesen Wind herauskreuzen müssen. Wir freuen uns auf den Besuch der Altstadt mit ihren bunten Holzhäusern, worunter auch das Nonnahús steht, das Haus des Jesuitenpaters Jón Sveinssohn, genannt Nonní, der zahlreiche Kinderbücher auf Deutsch geschrieben hat, die in 30 Sprachen übersetzt wurden. Vom Kunstmuseum zeigen wir nur ein Bild, eine Klanginstallation mit riesigen Fendern als Klangkörper. Weite Spaziergänge und ein Café sind weitere Höhepunkte.


Auf Ólafsfjörður verzichten wir, da kräftiger Wind aus Nordost mit bis zu 35 kn angesagt ist, und steuern direkt Siglufjörður an. Diese Stadt wollen wir unbedingt sehen, denn hier war der weltgrößte Umschlagplatz für Heringe, bis dieser 1967 plötzlich ausblieb. Das Heringsmuseum ist ein Muss. Wir freuen uns auf Andreas, der uns ab hier für die nächste Etappe begleiten wird.











Hier der Track der Route, die wir bisher in Island zurückgelegt haben:
