Westfjorde – Reykjavík

Jan kommt über Reykjavík mit einer kleinen Propellermaschine nach Ísafjörður. Da wir draußen auf See starken Südwind haben, bleiben wir erst einmal hier und Jan will das Halbfinale der Fußball-WM sehen. Wir sind Fußballmuffel aber begleiten ihn in eine Kneipe, um dann doch viel Spaß beim Zusehen dieses Feuerwerks von Toren zwischen England und Frankreich mit 6:4 zu haben. Am nächsten Abend sehen wir uns dann das Finale auch noch an, unterschiedlicher könnten die Spiele nicht sein, wir freuen uns aber über  das verdiente 1:0 von Spanien gegen Argentinien, obwohl Spanien eigentlich drei Tore geschossen hat.

Im Hafen tausche ich mich mit dem Eigner unseres Nachbarschiffes Annabel J, einem Nachbau eines Traditionsseglers, aus und erzähle von den Ankerbuchten in den Fjorden, bis er mir nebenbei sagt, dass er Andrew Wilkes, der Autor des Navigationsführers „Artic and Nothern Waters“, sei. Die von uns erkundete Bucht bei Selvík wird wohl in der Neuauflage aufgeführt werden sowie weitere Tipps von mir.

Dann legen wir ab und fahren den Hauptfjord Isafjarðardjúp nach Westen und verbringen eine Nacht in Bolungarvík, das wir schon vom Hinweg kennen. Unsere Wanderung hinauf zu dem Aussichtspunkt auf dem Bergrücken mit Blick auf die Fjorde brechen wir ab, da über die Straße sehr viele LKW mit Steinen für die Erweiterung der Hafenmole rollen und mitnehmen wollen sie uns auch nicht. 

Den nächsten Morgen wecken wir uns früh und starten schnell nach einem kurzen Frühstück, denn auf See ist nur für die Morgenstunden etwas weniger Wind mit ca. 20-25 kn Wind aus Südwest angesagt, die wir nutzen wollen, um die beiden Kaps zu runden und in den Önundarfjörður zu fahren, bevor der Wind stärker wird. Wir wussten schon von anderen Seglern, die zurückkehrten, dass draußen sehr starke Welle steht. Leider steht schon direkt nach dem Ablegen im Fjord eine recht unangenehme diffuse Welle, die ein Segeln bei schwachem Wind unmöglich macht. So müssen wir zwei Stunden die Maschine nutzen, bis wir auf See aus der Abdeckung kommen. Außerhalb des Fjords ist die Welle sehr unangenehm und wir sind froh, als wir endlich das Groß mit erstem Reff und die Fock setzen können. Als der Wind auf 6 Bft. auffrischt, binden wir das 2. Reff ein und freuen uns, als wir im Fjord schnell ruhigere See finden. Unser Ziel ist Flateyri. Lisa und Andreas haben uns einen Zeitungsartikel über die älteste Buchhandlung Islands geschickt und wir freuen uns auf einen Besuch. Anke-Sophie liegt im Hafen ca. 100 m von dem  Laden entfernt, den Eythor Jovinsson in vierter Generation führt. Wir treffen seine Mutter an und haben ein nettes Gespräch mit ihr, in dem wir einiges über die Buchhandlung und den Ort erfahren. Auch in diesem Ort kamen 1995 durch ein Lawinenunglück 20 Einwohner um. Wir haben schon bei der Ansteuerung die gigantischen Schutzwälle am Berg gesehen, die zurzeit erweitert werden, da sie 2020 eine Lawine nur umlenkten und diese 4 Boote im Hafen versenkte. Annette kauft eine ganze Tüte voll Bücher, wie kann es anders sein. Wir bleiben zwei Nächte wegen starkem Wind und Regen. Ein Spaziergang führt uns zu einem Kunstobjekt, einer Orgel, die über  einer Brücke installiert ist.

Als Nächstes segeln wir bei gutem Südostwind aus dem Fjord in den weiter südlich liegenden Dyrafjörður, den wir über den Abend bei diesigem Licht hineinkreuzen bis zum Hafen Þingeyri. Wir kommen spät an und finden nur an der Außenpier einen Platz, wo wir dem Wind ausgesetzt sind. Um 0:30 Uhr weckt uns ein Klopfen an Deck, ein riesiges Arbeitsschiff will auf unseren Platz, da es an keinen anderen passt, wir müssen weichen. Wir verlegen uns auf die Innenseite an die Tankstelle und haben dort einen ruhigen Rest der Nacht, bis uns am Morgen erneut ein Klopfen weckt. Mehrere Fischerboote wollen tanken und wir werden nett gebeten, uns an die Südmole zu verlegen, wo inzwischen die Fischerboote abgelegt haben. Hier dürfen wir wenigstens bis Mittag bleiben, denn um 10 Uhr öffnet das Schwimmbad, und wir wollen ein Museum besuchen, das uns Andrew von Annabel J empfohlen hat. Es handelt sich um eine alte Schmiede mit Werkstatt, die 1904 von einem Dänen errichtet worden war und heute noch im Originalzustand gelegentlich betrieben wird, wie sie 1995 hinterlassen wurde. Wir können die uralten Drehmaschinen, Hobel und Sägen bewundern, wie sie von einer zentralen Anlage aus alten Ledertreibriemen angetrieben werden. Es ist einfach alles noch da, wir kommen uns wie auf einer Zeitreise vor,und ich erinnere mich an mein Maschinenbaupraktikum, in dem ich einen Schraubstock gebaut hatte. Alle Maschinen, Schmelze und Schmiede sind noch betriebsbereit und werden von Zeit zu Zeit genutzt, um immer noch Ersatzteile für Fischerboote anzufertigen.

Danach brechen wir zu einer längeren Tour auf; unser Ziel ist es, bis zur Insel Flatey zu segeln, die mitten im Breiðafjörður liegt, umringt von tausenden von Flachstellen und Riffs. Wir segeln bei frischem Nordwind die Westküste mit weiteren Fjords nach Süden entlang, die wir leider nicht mehr besuchen können. Wir hatten während der letzten 10 Tage sehr viel starke Winde aus S und SW, sodass sich auf See eine sehr große  Dünung aufgebaut hat, welcher der heute wehende Nordwind nichts anhaben kann. Wir kommen gut voran, auch wenn die See teilweise sehr gegenläufig ist. Wir umrunden das spektakuläre Kap Bjargtangar mit seinem Leuchtturm und bewundern die Klippen mit unzähligen Seevögeln. Beim Strand Rauðasnadur schläft wie erwartet der Wind ein. Wir suchen uns eine flache Stelle, wo wir bei 15 m Wassertiefe den Anker setzen. Wie erwartet, schaukelt die Anke-Sophie leider extrem in der alten Dünung, obwohl sie in einer spiegelglatten See liegt. Wir haben eine sehr unruhige Nacht und sind froh, am Morgen den Anker zu heben und die Segel zu setzen. Aber der grandiose Blick auf die Küste und gegenüber auf den Gletscher Snæfellsjökull im Licht des Abends und des Morgens entschädigt uns ein wenig. Der Ostwind setzt sich durch, aber nach drei Stunden wird er stärker als die prognostizierten 15 Knoten, gegen die wir ankreuzen müssen. Wir reffen das Groß und tauschen Genua gegen Fock und entscheiden uns, Grundarfjörður an der südlichen Küste anzulaufen, anstatt weiter bis zu der 30 Meilen entfernten Insel Flatey bei 20 Knoten aufzukreuzen; wir werden es nicht mehr schaffen, die einsame Insel zu erreichen.

Der Hafen liegt in einer unglaublich schönen Landschaft umrahmt von einer fantastischen Bergkulisse. Wir genießen einen Tag mit Sonne pur, der Sommer ist nun selbst in Island angekommen. Am nächsten Tag wandern wir zum Wasserfall Kirkfoss und erfreuen uns an dem Blick auf den markanten Berg Kirkjufell, der von Touristen tausendfach fotografiert wird, z.B. im Rahmen von Hochzeiten. Annette und ich umrunden den Berg auf einer 14 km langen Wanderung, während Jan sich einen Wasserfall ausgesucht hat, den er erkunden will. Wir treffen uns zu einem weiteren gemütlichen Abend an Bord und nehmen uns für den nächsten Tag einen Törn nach Stykkishólmur vor.

PredictWind hat uns 10 – 15 kn aus NE angesagt, was für das Ziel einen Kurs gegen den Wind bedeutet. Der Wind ist unerwartet böig, nimmt manchmal bis zu 25 kn zu, und hin und wieder scheint er einzuschlafen, sodass wir zwei Mal von Genua auf Fock und umgekehrt wechseln müssen. Dabei ist dann die Ummantelung des flexiblen Vorstags für die Fock eingerissen. Wir können die Fock nicht mehr setzen, da sich der abgelöste UV-Schutz des Dyneema-Seils mit den Stagreitern verklemmt hätte. So müssen wir die Genua halb einrollen, um überhaupt noch bis Stykkishólmur aufkreuzen zu können. Zudem steht in der Bucht eine unangenehme kurze Welle, wie wir sie von der Ostsee kennen, da es hier so flach ist. Allerdings gibt es hier eben noch zusätzlich Tide und damit Strömung. Im Hafen müssen wir auf Hinweis des Hafenmeisters noch einmal den Platz wechseln, aber wir sind zufrieden, in dem geschäftigen Fischer- und Fährhafen überhaupt einen Platz gefunden zu haben. Wir unternehmen einen langen Spaziergang durch diesen besonderen Ort, der von der modernen skulpturhaften Kirche des Architekten Jón Haraldsson überragt wird. Überall sehen wir schöne alte Häuser und auf dem Berg ist eine ehemalige Bibliothek, die nun als Wassermuseum dient, in dem eine Installation der US-Künstlerin Roni Horn aus 24 Glaszylindern ausgestellt wird, die Wasser unterschiedlicher isländischer Gletscher bewahrt.

Am Morgen steige ich in den Mast, um den Mantel des flexiblen Vorstages oben abzutrennen. Wir sind drei Stunden damit beschäftigt, ihn komplett von der Seele zu entfernen. Am Nachmittag segeln wir zu der kleinen Insel Elliðaey, wo wir in den Krater des ehemaligen Vulkans hineinsegeln können und dort auf 8 m den Anker legen. Wir setzen über, um über die Insel zu wandern und den Leuchtturm und den verlassenen Hof zu besuchen. Wir haben wunderschöne Ausblicke auf das Inselarchipel und die dahinterliegende Küste. Dabei beobachten wir zahlreiche Puffins, die dort nisten. Die Kraterbucht teilen wir uns mit einer isländischen Segelyacht. Der NE-Wind frischt wieder auf über 25 kn auf und wir schwojen um unseren Anker.

Der Anker hielt gut über Nacht und wir segeln in Richtung Ólafsvík. Zunächst haben wir Rückenwind, der aber wie angekündigt immer schwächer wird, dann nutzen wir leider die Maschine für zwei Stunden, bis sich ein leichter Wind aus Westen durchsetzt. Es ist mir immer eine besondere Freude, mit diesem Schiff bei extrem leichtem Wind schon segeln zu können. Anfangs mit 0,7 kn ansteigend bis 6 kn kurz vor dem Hafen. Er liegt am Fuß des Gletschers Snæfellsjökull, den wir die ganze Fahrt vor uns sehen, was selten ist, denn oft liegt er in Wolken. Wir haben Sommer in Island mit Temperaturen zwischen 15 und 20°C, während sich in Deutschland das Thermometer wieder Richtung 40° bewegt, ich brauche nicht zu sagen, was uns lieber ist. Wir haben wieder einen netten Hafenmeister, es gibt sogar eine Dusche und Toilette, wir gönnen uns hier drei Tage zum Wandern des Arnarverpi-Brúnir-Weges, Lesen, Wäschewaschen, Kochen, Essengehen… Wir müssen im Hafen die Leinen sehr lange stecken, da wir eine Tide von über 3 Metern haben. Bei Niedrigwasser klettern wir über eine Leiter an fünf großen LKW-Reifen entlang bis zum Pier hoch.

Nun segeln wir um den Snæfellsjökull zunächst bei Winden aus NE und später aus W herum und ankern südlich von ihm vor dem kleinen Hafen Arnastapi. Anfänglich haben wir frischen Wind aus Nord und dann aber eine ruhige Nacht. Am Morgen segeln wir zunächst am Wind aus der Bucht in Richtung offenes Meer, um aus dem Windschatten des Gletschers zu kommen.

Dann fahren wir die 50 sm bis Akranes vor dem NW-Wind unter Schmetterling. Wir kommen am Abend im Hafen an, liegen am Schwimmsteg und stellen fest, dass wir eingeschlossen sind, denn das Tor zur Mole ist verschlossen. Das kümmert uns nicht, wir kochen gemütlich zu Abend und rufen den Hafenmeister morgens nach einer ruhigen Nacht an. Er kommt vorbei und bringt uns einen Schlüssel, öffnet uns Dusche und Toilette, wir sind wieder in der Zivilisation. Er nimmt Jan im Auto zu einer Stadtrundfahrt mit und erzählt ihm alles Wichtige über die Stadt. Nach dem Einkaufen gönnen wir uns einen Besuch im Café mit Cappuccino und Eis, da wir endlich Sommer mit Sonne und 15°C haben. Dann gehen Jan und ich am Strand für einen längeren Aufenthalt in den Hotpot und genießen den Ausblick auf die See.

Am Morgen legen wir ab, um in den Hvalfjörður zu segeln. Da der Wind zwischendurch zu schwach ist, lassen wir uns eine Weile treiben und setzen nach einer Stunde wieder die Segel, um vor dem Wind bis ans Ende des Fjordes unter Schmetterling zu segeln und dort bei Djúpívagur zu ankern. Unterwegs hatten wir im Fjord ein Walfangboot auslaufen sehen, wir erkennen das Schiff an seinem Ausguck im Mast und der Harpune auf dem Bug. Im Netz erfahren wir, dass vor wenigen Tagen Gegner des Walfangs das Schiff aufgebracht hatten und die Polizei einschreiten musste und die Leute verhaftet wurden. Es kann also auch mal spannend in Island werden. Am Morgen setzen wir mit dem Dinghi über und wandern in das südlichere Tal.

Auf dem Rückweg haben wir halben Wind aus Süd und  einen schönen Segeltag, den wir in einer Bucht vor einem Strand südlich der Insel Geldinganes ca. 5 sm östlich von Reykjavík vor Anker abschließen. Am Morgen des 06.08. verholen wir uns nach Brokey, den Hafen des Yachtclubs von Reykjavík. Hier erwarten wir Christl und Harald als zusätzliche Crew an Bord. 

Eine Antwort zu “Westfjorde – Reykjavík

  1. Wie schön, dass der Sommer jetzt auch bei Euch angekommen ist. Toller Bericht! Viele liebe Grüße aus Berlin von Annette Hans-Herinch

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