Nach vier schönen Tagen in Lerwick verabschieden wir die ANUK, die es nach Süden zieht; wir wollen nun die kleineren vor der Ostküste Shetlands liegenden Inseln erkunden.






Wir segeln bei nördlichen Winden um die Insel Bressay herum, die gegenüber von Lerwick liegt. Östlich von ihr steuern wir die kleine Insel Noss an, ein Naturschutzgebiet. Wir passieren eine wunderschöne wilde Naturlandschaft, steile hohe Klippen, sanfte grüne Wiesen mit Mauern und wenigen alten Häusern, weidende Schafe und der prägnante Leuchtturm von Bressay. Wir ankern in der Bucht Voe of the Mels auf 8 Meter mit hoffentlich genügend Abstand zu den Unterwasserfelsen auf beiden Seiten. Wir sitzen Stunden bei schönem Licht und genießen alles, was sich um uns herum zeigt. Die Seehunde auf den nahen Felsen heulen zu uns herüber und direkt vor dem Heck tauchen tatsächlich die putzigen Papageientaucher auf. Der Wind pfeift mit 6 Bft. über uns hinweg, wir liegen geschützt in dieser traumhaften Bucht und freuen uns am Dasein. Kein menschliches Wesen außer uns. Das sind die Momente, für die wir alles auf uns nehmen, die Reparaturen am Schiff, den langen Weg, die tiefen Temperaturen und die oft wechselnden, starken und manchmal von vorne wehenden Winde, auch den Regen ab und zu. Das sind dann aber auch die gleichen Momente, an die man sich später zu Hause erinnert und davon lange und oft zehrt. So ist das Leben schön.









Die Nacht vor Anker war dann doch unruhig für mich, da ich oft auf das Tablet gesehen habe, um zu verfolgen, wie sich das Schiff bewegt. Eine Winddrehung nach West hätte uns den Felsen auf Steuerbord doch sehr nahe gebracht. Wir nehmen den Anker nach einem frühen Frühstück auf und segeln um die Insel Noss herum. In den Klippen nisten Tausende von Seevögeln, der Himmel ist voll von ihnen und man riecht es auch. Die Welle ist unangenehm, und wir sind froh, so früh aufgebrochen zu sein, denn gegen Mittag soll der Wind einschlafen. Das heutige Ziel ist der Hafen von Symbister auf der Insel Whalsay. Wir registrieren uns beim Shetland Islands Council und zahlen eine Monatsgebühr von 120 GBP und dürfen dafür so viele Häfen besuchen, wie wir wollen. Wir werden es ausprobieren. Leider gibt es keinen Strom und zum Duschen gehen wir in das „Leisure Centre“. Die deutsche Hanse hatte hier einen Stützpunkt, der in einem kleinen Museum beschrieben wird.




Wir segeln zu den Out Skerries, eine vorgelagerte Inselgruppe aus 20 Inseln, von denen nur Bruray und Housay bewohnt sind. Es leben nur noch ca. 30 Leute auf der Insel. Wie so oft, wandern die jungen Leute ab, arbeiten und leben in Lerwick und nur die Alten verbleiben auf der Insel. Die Schule wurde 2016 geschlossen, da es nur noch einen Schüler gab. Heute ist sie wieder teilweise geöffnet, wir haben ein paar Kinder getroffen. Wir kommen mit mehreren Einheimischen ins Gespräch. James liegt mit seinem Schiff vor uns und war gestern mit seiner neuen Segelyacht aus Lerwick hierher gesegelt, um seine Eltern zu besuchen, wir tauschen uns aus und erfahren so Details zur Insel und dem Leben hier. Wie liegen an der Pier, was kein Problem ist. Von drei Fischerbooten gibt es nur noch eines und das wird zurzeit gerade überarbeitet. Er denkt darüber nach, ob eine Marina mehr Gäste anlocken würde. Schon beim Studium der Unterlagen zuhause ist mir dieses Inselarchipel aufgefallen und ich dachte, hier müssen wir unbedingt hin. Nun sind wir hier und erobern uns zwei Tage lang jede Ecke der beiden Hauptinseln mit unseren Wanderstiefeln. Wir genießen die Blicke auf diese raue, baumlose Landschaft, Wiesen, Felsen, Klippen, vorgelagerte Inseln in der See. Überall finden wir die Schalen von Krebsen und Muscheln, die von den Seevögeln an Land gebracht werden, um sie dort zu verspeisen, ist es nicht so, dass die Vögel sie aus großer Höhe fallen lassen, damit sie aufbrechen? Im Reiseführer lesen wir dazu, dass, als Gott Schottland geschaffen habe, noch ein paar Steine übrig geblieben seien, die er hier abgelegt hat. Inzwischen sei sogar Gras darüber gewachsen.

















Es zieht uns weiter nach Fetlar. Diese Insel ist mit 41 km² und 61 Einwohnern fast schon riesig im Vergleich zu den Out-Skerries mit 4 km². Wir machen an einem neuen Anleger neben der Fähre bei herrlichem Wetter fest, es sind über 20°C, der Sommer kommt in den Shetlands an, bisher hatten wir höchstens 13°C. Wir wandern zur verlassenen Brough Lodge, dieArthur Nicolson 1820im gotischen Revival Stil erbauen ließ. Er kann als ein „Pionier der Entmietung“ angesehen werden. In Schottland wird diese Vertreibung „Clearances“ genannt, in der Bauern vertrieben und ihre Häuser niedergebrannt wurden, um das Weideland für Schafe zu vergrößern. Es wurden allein auf dieser Insel Hunderte von armen Leuten vertrieben, die seit Generationen hier lebten, um den Reichtum eines Landlords zu vergrößern.






Die Insel Unst bildet die nördlichste Insel der Shetlands mit 120 km² und 630 Einwohnern. Wir steuern Baltasound an. Die vorgelagerte Insel Balta schützt den Sund, ideal für einen Pier des Balta Harbour, an dessen Kopf wir einen freien Platz finden. Wir bleiben drei Tage. Wir vereinbaren im Hotel, wo wir das erste Mal auf den Shetlands essen gehen können, einen Transfer in den Norden der Insel, um dort ausgiebige Wanderungen zu unternehmen. In Lerwick fanden wir keinen freien Platz in einem Restaurant und auf den kleinen Inseln gibt es kaum welche. Besonders zieht uns das Hermaness National Nature Reserve an. Ein Vogelparadies in den nördlichen Klippen. Ein langer Rundweg führt über die Hochmoore und entlang der ausgesetzten Felsenformationen. Wir können uns nur schwer trennen von dem Anblick des Leuchtturms Muckle Flugga, der auf einer vorgelagerten Insel steht. Er wurde 1854 von den Brüdern Stevenson mit Backsteinen gebaut. Wir überlegen, wie mühsam die Errichtung und der Transport der Baumaterialien auf diesem unwirtlichen Vorposten gewesen sein muss. Im Museum sehen wir später Bilder davon und ein netter alter Mann erzählt uns viele Geschichten über die Shetland-Boote dieser alten Zeit.









Auf unserem Weg treffen wir einige Vogelkundler. Sie spähen mit riesigen Teleobjektiven den vielen Seevögeln in den Klippen nach. Wir beobachten die Great Skua (Große Raubmöven), die hier Bonxies genannt werden, die Gannet (Tölpel), die Kittiwake (Dreizehenmöwen) und die Shag (Krähenscharben). Die Puffins (Papageientaucher) sehen wir heute leider nicht. Und das Shetland-Ponny darf nicht fehlen.




Auf dem Rückweg besuchen wir das Museum „Unst Boat Haven“ und lassen uns viel über die Geschichte des shetländischen Bootsbaus erzählen.

Zufälligerweise findet zurzeit ein Fest („Unstfest“)auf der Insel statt. Am Hafen wurde ein großes Festzelt aufgebaut und den ganzen Nachmittag Livemusik dargeboten. Im Gemeindesaal dürfen wir am Tag darauf mit einigen Hundert Insulanern Fish und Chips essen. Den dritten Tag bleiben wir hier, da wir totale Flaute haben und keinen Diesel verbrennen wollen, und verschieben unseren Aufbruch. Auch die bekannteste Bushaltestelle Shetlands besuchen wir.



Annette fasst ihre Bordlektüre wie folgt zusammen: Kurz vor Stavanger habe ich mit dem Lesen von Christian Krachts neuem Roman „Air“ begonnen. Wir hatten die Lesung daraus im Berliner Ensemble erlebt. Nicht nur Krachts Kauzigkeit amüsierte uns, auch fanden wir das Kapitel, das er las, sehr unterhaltsam. Dass einige Orte, an denen wir waren (Stromness/Orkneys) und zu denen wir gerade reisen (Shetlands und Faröer), erwähnt werden, machte das Buch zusätzlich interessant für uns.
Mir hat das Lesen ausgesprochen Spaß gemacht, auch wenn sich mir eine tiefere Bedeutung nicht erschloss. Kracht spielt mit Genren: Historienroman, Abenteuergeschichte, Science fiction, Märchen; gut und böse ist hier klar geschieden ohne Zwischentöne. Es wird dem Autor großes Vergnügen gemacht haben, den Roman zu schreiben.
Zusammengefasst geht es um den Inneneinrichter Paul, der in Stavanger eine Halle in perfektem Weiß streichen soll. Als er den Cloudspeicher, um den es geht, besichtigt, erzeugt ein Sonnensturm einen Stromausfall und „beamt“ ihn in die Zeit der Kelten. Er schließt Freundschaft mit der neunjährigen Waise Ildr, die ihn aus Versehen mit Pfeil und Bogen anschießt und gesund pflegt. Sie erleben gemeinsam einige Abenteuer. Aus dem etwas müden Paul, der in Stromness lebt, wird ein beherzter, tapferer und feinfühliger Held. Weitere Menschen sowohl aus der Gegenwart als auch aus der Vergangenheit und auch Gegenstände aus unserem Alltag tauchen auf.
Freude gemacht hat mir zu Beginn z.B. die Passage, als er Paul beschreibt im Regen mit Wollpullover (weil er Goretex- und Fleece-Kleidung ablehnt) von Stromness eine Stunde auf dem Rad (ohne Gangschaltung) zur Sauerteigbrotbäckerin (das noch nicht einmal sooo lecker schmeckt) fahrend und habe meine Freude, weil ich Kracht dabei vor mir sehe (und es vielleicht genauso machen würde…). Vielleicht ironisiert er hier einen bestimmten Lifestyle, auch mit den speziellen Aufträgen zur Inneneinrichtung auf den Shetlands und den Faröern, die er bekommt. Aber die Wohnung in Stromness gefiele mir auch…
Warum er Fäden aufnimmt und wieder verliert, weiß ich nicht, z. B. die Schraube, die sich der Hund eintritt. Vielleicht nur, um Ildr anhand dessen eine Flugzeugschraube zu erklären. Die spannende Lektüre zog mich in ihren Bann und vor allem die Atmosphäre und Landschaft.
Hier auf den Shetlands begleitet mich das Buch von Sally Huband „Die Strandsammlerin“. Die Autorin ist 2011 mit ihrer Familie von Aberdeen nach Lerwick gezogen und engagiert sich für den Umweltschutz. Indem sie auf dem Strand das, was das Meer anschwemmt, sammelt und analysiert, lernt sie nicht nur die Flora und Fauna intensiv kennen, sondern auch das, was diese gefährdet. Das Buch ist sehr informativ, anregend und engagiert geschrieben. Das Leben auf den Shetlands, das vom Meer und vom Wetter bestimmt ist, kann sich der und die Lesende besser vorstellen. Und dass in diese vermeintliche Unberührtheit der Inseln auch Klimaprobleme und Umweltprobleme eingreifen, wird nur zu deutlich.
Morgen wollen wir, wenn es mit Wetter und Strömung klappt, die Insel Unst am nördlichsten Punkt Großbritanniens umrunden und die Passage zwischen Muckle Flugga und Out Stack nehmen, um dann das Leuchtfeuer von der Seeseite zu sehen und danach die Westküsten der Shetland Islands zu bereisen.


Liebe Annette und lieber Thomas, nun also e