Wir navigieren wieder umsichtiger mit Papierkarten statt vorwiegend mit Tablet und Kartenplotter und mit mehr Logbucheintragungen als gewohnt, da ich in der TAZ einen Artikel las, wie Russland in der Ostsee massiv den GPS-Gebrauch stören kann. Ich betreibe das Fahrtensegeln seit fast 50 Jahren und habe somit viele Navigationsverfahren von terrestrischer Navigation über Funknavigation oder Astronavigation angewendet, in den letzten Jahren aber die digitalen GPS-gestützten Methoden genutzt und klassische Seekarten nur nebenbei zur Hand gehabt. Dies wird sich nun zwangsläufig wieder zur traditionellen Navigation zurückbewegen, mir soll es recht sein.
Nachdem auf Anholt der Starkwind nachgelassen hat, legen wir früh ab, denn zum einen nimmt ab 11 Uhr der Wind bei Anholt auf 6 Bft. zu und zum anderen droht er ab 16 Uhr rechtdrehend bei Læsø einzuschlafen. Der Tag ist dafür geeignet, dass Annette ihre neue Segeljacke testet, denn es regnet praktisch ununterbrochen bei 13° während in Süddeutschland 30° sind. Wir kommen bei raumem Kurs flott voran, reffen Groß und Genua, als der Wind stärker wird, und wie die Wettermodelle gezeigt haben, erreichen wir Vesterø bei 2-3 Bft rechtzeitig, es bleibt den Abend bei Dauerregen, sodass wir tatsächlich die elektrischen Konvektoren für kurze Zeit anschalten, um es uns unter Deck gemütlich zu machen mit unserer neuen Anschaffung: einem frisch bereiteten Espresso mit unserer neuen handbetriebenen Maschine für den besonderen Genuss, ansonsten gibt es an Bord löslichen Espressokaffee oder Brühkaffee aus der „Drückkanne“.
Wir wollten sowieso einen Tag auf Læsø bleiben, deshalb stört es uns auch nicht, dass der Wind am nächsten Tag aus NW kommt, also genau gegenan auf dem Weg nach Skagen. Heute scheint wunderbar die Sonne, als ob es nie Dauerregen gegeben hätte, und wir wandern die Nordküste entlang und dann nach Byrum, dem Hauptort der Insel, um dort den Ferientag im Café zu genießen und im „Brugsen“ einzukaufen. Zurück im Hafen lassen wir den Tag mit einem Gin Tonic und Weißwein ausklingen, bevor an Bord gekocht wird. Auch wenn Læsø mit 101 km² und 1719 Einwohnern wesentlich größer ist als Anholt mit 22 km² und 127 Einwohnern, gefällt es uns hier auch sehr gut.







Am nächsten Tag haben sich wieder die südlichen Winde durchgesetzt und wir segeln das ganze Stück von Vesterø bis Skagen unter Spi. Vor Skagen liegen viele Tanker auf Reede und wir fahren Slalom zwischen ihnen durch. Wir sind schnell und legen schon um 14 Uhr in Skagen an, diesmal im Hafenbecken des Segelclubs, bei der Einfahrt links, und nicht in der Marina. Dort werden wir vom „Chairman“ herzlich willkommen geheißen und es ergeben sich auch weitere Gespräche mit lokalen Seglern. Im Hintergrund liegen die riesigen Fischtrawler aus Grönland, Island und Norwegen. Sie werden wohl in Polen gebaut und hier ausgestattet. Für mich ist Skagen das dritte Mal, für Annette das erste Mal. Sie ist etwas enttäuscht, denn sie hatte sich ein gemütliches Fischerdörfchen vorgestellt und nun liegen wir mitten in einem riesigen Industriehafen. Obligatorisch ist die Wanderung zum nördlichsten Punkt Dänemarks, wo von rechts die Ostsee links in die Nordsee übergeht.








Da der Südostwind weiter stabil bleibt, entschließen wir uns gleich am frühen Morgen die Überfahrt nach Norwegen zu machen, wann hat man schon im Skagerrak solch ruhige Verhältnisse, die wollen wir nutzen. Wir legen um 5:50 Uhr ab, segeln hoch am Wind entlang der Küste und dem Flachgebiet bis zum Punkt, wo sich die beiden Meere treffen. An der Nordtonne setzen wir den Spi und passieren das Verkehrstrennungsgebiet ohne viel Verkehr. Leider schwächt sich der Wind zwischen 11 und 14 Uhr sehr ab, sodass wir unter 4 Knoten laufen. Dann kommt der Wind aber wieder und wir gleiten mit 6-7 kn über das ruhige Skagerrak. In den Abendstunden erschallt der Ruf „Land in Sicht“, aber es braucht noch eine Weile, denn der Wind flaut wieder ab und dafür haben wir eine unangenehme Welle, sodass die Segel schlagen. Die letzte Stunde fahren wir unter Maschine in den Fjord, der zur Stadt Arendal führt, und finden in den vorgelagerten Schären einen tollen Anleger auf Søndre Brattholmen, der zu einem Segelclub gehört. Wir werden nett empfangen, quatschen über die Weltpolitik und bekommen zwei Begrüßungsbiere spendiert. Zahlen müssen wir nichts, denn der Firmenchef, der mit seinen Mitarbeitenden hier feiert, hat bereits für die ganze Insel bezahlt. Wir kommen um 21:15 nach 15,5 Stunden und 80 sm an, was trotz flauem Wind einen Durchschnitt von 5,1 kn bedeutet, fast alles unter Spi gesegelt.






Da wir am nächsten Morgen nach wie vor Wind aus NE haben, setzen wir uns Kristiansand als nächstes Ziel. Die Fahrt beginnt mit einer wunderschönen Passage durch die Schären, die aber gut durch Stangen markiert sind. Auf halber Strecke frischt der Wind wie erwartet immer mehr auf, sodass wir zwischen den vielen Inseln ein wenig in Bedrängnis kommen, da wir einzelne Strecken direkt vor dem Wind segeln müssen und uns Halsen drohen. Auch kommt uns eine Regatta aus ca. 50 Yachten entgegen, die zwischen den Schären ihrem Ziel entgegen kreuzen. Bei Winden >20 kn wollen wir in dem teilweise engen Fahrwasser mit Gegenverkehr schwierige Situationen vermeiden und wechseln das ungereffte Groß gegen eine halb eingerollte Genua. Als wir in der Marina von Kristiansand ankommen, bläst es richtig, der Hafen ist sehr eng und unübersichtlich und wegen eines Festivals überlaufen und so übersehe ich leider einen unter Wasser verspannten Festmacher eines Motorbootes. So sind wir gefangen in einer unangenehmen Lage, aus der wir uns aber mit Hilfe einiger Landleinen und der Unterstützung anderer Segler befreien können. Aber danach sind wir kaputt und es reicht uns erst einmal. Der nächste Tag verspricht Flaute und der darauf Starkwind aus Westen, so ist eine zweitägige Pause angesagt. Die Marina gefällt uns nicht, durch das Festival gibt es zu viele betrunkene Partysüchtige, sie ist zu teuer und vollkommen digitalisiert. Neben dem Liegeplatz und dem Elektroanschluss müssen wir auch die Dusche über das Internet jeweils einzeln über Barcodes buchen, also nein, jetzt kann man ohne sein Handy nicht mehr duschen! Das ist nicht unsere Welt…





Wir wandern im Umland durch Wälder und zurück entlang der Otra und streifen durch die Stadt, um uns die alten Holzhäuser anzusehen. Auch in Norwegen kommt der Sommer. Der Höhepunkt ist das Kunstsilo, ein zum Museum umgebautes Getreidesilo mit seiner gelungenen Architektur und den vielseitigen Ausstellungen.











Dann erblicken wir auf PredictWind ein kurzes Zeitfenster nach der dritten Nacht – das Rucken an den Festmachern hat genervt – von am Dienstagmorgen von 4 bis 11 Uhr am Morgen, das wir nutzen wollen, um hier weg und weiter nach Westen zu kommen. Der Wecker wird auf 3 Uhr gestellt, im Hafen ist es nun windstill, im ersten Büchsenlicht fahren wir los und können hoch am Wind aus der Bucht fahren. Draußen empfängt uns eine unangenehme See und bei mäßigem Wind ist es anfangs schwierig, ohne Schlagen der Segel zu segeln, aber dann wird die See ruhiger und der Wind nimmt zu und wir entscheiden uns bei der ruhigen See außerhalb der Schären gegen den Westwind aufzukreuzen bis Mandal. Der Hafen war uns von Dänen empfohlen worden und nach einem Mittagsschläfchen spazieren wir über die Hügel der kleinen Stadt an der Marna.







Am nächsten Morgen nutzen wir ein ähnliches Wetterfenster ohne den starken Westwind und starten wieder früh und haben heute bei ruhiger See eine angenehme Fahrt zunächst durch die Schären und dann mit einem langen Schlag auf die offene See und nach einer gut gewählten Wende direkt am Kap Lindesnes vorbei bis in den kleinen Ort Farsund, wo wir in einer angenehmen Marina mit netten Leuten ins Gespräch kommen, unsere Wäsche waschen und Pläne für den nächsten Hafentag schmieden, denn draußen soll es wieder mit 30 kn wehen, und bei 7 Bft fahren wir nicht gegen den Wind an. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass hier der Wind einem kräftig entgegen weht. Denn so war das auch im September 2022, als Werner, Christian und ich hier nach Süden segeln wollten und nicht gegen 32 kn aus SE ankamen und umdrehen mussten, um im Hafen Borshavn Schutz zu suchen. Dieses Mal wollen wir nach Norden, natürlich kommt der Wind seit Tagen aus NW. Wir haben Zeit und unternehmen wie damals Wanderungen. Wir besichtigen das Lista Fyr. Ihr könnt euch zum Vergleich den Blogbeitrag „Egersund – Kloster “ aus Sept. 2022 ansehen; die Kunstinstallationen wie die goldenen Autos, der Sessel im Rasen und das in den Rasen gemähte „Love“ sind nicht mehr zu sehen. Es ist ein besonderer Moment, wenn man bei Reisen an bekannte Orte wiederkehrt und die Veränderungen wahrnimmt. Wir wandern von dort zu dem Ort Pennefeltet, wo wir Felszeichnungen besichtigen, die Langboote und andere Symbole aus der Bronzezeit (1800 bis 500 v. Chr.) darstellen.









Die nächsten Tage soll es weiter nach Norden gehen, wo wir in Bergen Uli mit der ANUK treffen wollen.