Oslo – Stralsund

Die zweite Etappe unserer Reise ist ereignisreich, leider nicht nur in positiver Hinsicht.

In Strömstad verbringen wir zwei Nächte. Stefan P. kommt mit der Bahn und wir segeln am nächsten Tag bei schwachen wechselnden Winden zeitweise unter Spi, dann wieder hoch am Wind bis nach Engelsviken kurz nach der norwegischen Grenze, da nach einem wunderschönen Segeltag gegen Abend der Wind ganz eingeschlafen ist. Und dann passiert ein Unfall, der erste auf der ANKE-SOPHIE. Stefan stürzt beim Anlegen auf den Steg und hat starke Schmerzen. Die Norweger im Hafen helfen uns sofort und organisieren ein Gespräch mit einer Notärztin. Dann begleitet Annette Stefan im Taxi. Sie fahren zunächst zum empfohlenen Erste-Hilfe-Zentrum, Stefan wird versorgt, soll dann aber doch für Röntgenaufnahmen in ein Krankenhaus. Dort stellt man einige Stunden später fest, dass der Unterarm angebrochen ist, zwei Rippen gebrochen sind und er einen Pneumothorax hat. Er muss über Nacht im Krankenhaus bleiben, um zu beobachten, ob das Loch in der Lunge größer wird. Annette kommt erst nach 22 Uhr zurück, wir sind sehr traurig und besorgt. Am nächsten Mittag kommt die Nachricht, dass er entlassen werden kann. Wir treffen uns zusammen mit seiner Familie im Hafen und rätseln immer noch, wie es hat passieren können, denn wir hatten ein wirklich ruhiges Anlegemanöver bei Windstille, er ist wohl mit einem Fuß am Bügelanker hängen geblieben, während er den Schritt an Land machte, nun muss er leider nach Hause, da er nicht mehr weiter segeln kann.

Thomas K. leiten wir nach Engelsviken um. Wir starten am nächsten Morgen früh, denn es sind 40 Seemeilen bis Oslo. Wir haben zunächst WSW 5, der dann im Laufe der Route nach Norden auf SW 3 abnimmt, sodass wir den Spi setzen können. Wir laufen über 8 Knoten. Als wir tiefer in den Fjord einfahren, kommt der Wind von der Seite und in den Böen haben wir viel Kraft im Schiff und es gibt viele Winddrehungen. Plötzlich gibt es einen Schlag und es reißt uns eine Relingstütze aus dem Deck. Was war nun passiert? Ja, wie oft beim Segeln haben kleine Ereignisse große Auswirkungen. In der Curryklemme des Barberholers ist eine kleine Feder gebrochen und der Barberholer auf der Luvseite löste sich um ca. 1 Meter, sodass die gesamte Kraft aus dem Spi in Luv nun auf den Relingsdraht wirkte und dieser die Stütze heraushebelte. Wir fahren trotzdem weiter und bergen den Spi erst, als es bei den Inseln im Fjord wieder zu böig wird. Wir erreichen Oslo gegen 15 Uhr, aber finden erst nach dem vierten Anlauf einen Liegeplatz. Das liegt daran, dass hier im September die Saison endet und dann viele Norweger, die im Sommer auf ihren Schären leben, im Oktober mit ihrem Boot in die Häfen kommen, um dort zu überwintern. Wir finden einen Platz direkt neben dem alten Bootshaus des königlichen Ruderclubs „Christiania Roklub“ und machen uns sofort an die Reparatur der Schäden. Zum Glück habe ich alle Materialien an Bord, wir laminieren das Loch im Deck mit Polyester und Glasfasermatten und bohren am nächsten Morgen neue Löcher, um die Relingstütze wieder zu befestigen. Danach besichtigen wir die Stadt und verbringen viel Zeit in dem sehr interessanten Munch Museum, das vor zwei Jahren eröffnet wurde. Wir sehen eine unglaubliche Anzahl von Bildern aus allen Epochen seines Schaffens, sehr gut nach Themen gruppiert.

Wir wollen einen zweiten Tag in Oslo verbringen und wählen uns bei Regen das Fram-Museum als Hauptziel, ich freue mich besonders darauf, bin ich doch zwei Mal zwei Wochen auf der ANUK in der Arktis gefahren. Wir sind begeistert, denn wir verbringen den ganzen Tag in den vier Museumsgebäuden. Wir besichtigen zuerst das Polarschiff Fram. Es wurde von Fridtjof Nansen initiiert und von Colin Archer 1892 gebaut und für drei Polarreisen im Zeitraum von 1893 bis 1912 von norwegischen Polarforschern genutzt. In einem zweiten Gebäude ist Gjøa, ein nur 20 Meter langes Schiff, ausgestellt, mit dem Roald Amundsen die Nordwestpassage von 1903 bis 1906 erkundete. Es sind viele Bilder, Berichte und Gegenstände aus seinem ganzen Leben ausgestellt. Sehr anschaulich auch der Wettlauf zum Erreichen des Südpols 1911, bei dem Walter Scott nicht lebend zurückkam. Als weiteres Highlight ist im dritten Gebäude die Kon-Tiki ausgestellt, mit der Thor Heyerdahl 1947 von Peru bis zu Tuamotu-Archipel über 4.000 sm trieb bzw. segelte und dann mit dem Floß aus Balsaholz auf Raroia im Riff strandete. Er wollte mit seiner Expedition beweisen, dass Polynesien vom Westen, also Lateinamerika, aus besiedelt worden sein könnte und nicht aus Asien, wie damals die Lehrmeinung vorgab. Ich kenne die gesamte Geschichte noch aus meiner Kindheit und bin immer noch davon begeistert. Heute kann ich das Originalschiff im Museum sehen und dann auch den damaligen Dokumentarfilm von Heyerdahl. 2014 segelten wir  mit der Anke-Sophie nur wenige Seemeilen entfernt an der Stelle vorbei, wo er mit Kon-Tiki anlandete. Für das letzte Gebäude, das norwegische Seefahrtsmuseum, war dann kaum noch Zeit, aber wie sehen ein altes Wikingerschiff, das ausgegraben wurde, und wie eines auf Originalweise nachgebaut wird.

Nach drei Nächten verlassen wir Oslo in Richtung Süden. Das Wetter ist schwierig, denn der Fjord von Oslo liegt weit im Landesinneren und die Wetterlage hat nur sehr schwachen Wind für uns, sodass wir den Motor nutzen müssen. Wir starten bei null Wind und fahren hinaus in einen herbstlichen wolkenverhangenen Fjord, der gesäumt ist von bunten Laubbäumen. Irgendwann können wir das Groß zur Unterstützung setzen. Als ein Südwind mit 3 Bft uns genau entgegenweht und der Regen beginnt, legen wir schon nach 15 Seemeilen im Hafen von Heitmann Marin bei Harvik an, wo man uns erst erklärt, dass hier keine Gastsegler anlegen könnten. Nach einigen Gesprächen und einem Telefonat mit dem Eigner unseres Liegeplatzes dürfen wir kostenlos liegen bleiben, Thomas und ich unternehmen eine Wanderung in die umliegenden Bergwälder.

Für den nächsten Tag sind starke Regenschauer und leichte Winde aus SSE angesagt bis 12 Uhr und ab 15 Uhr beginnender Nordwind, auf den wir spekuliert hatten. Eigentlich wollen wir in die Nacht hineinsegeln, aber die aktualisierte Windprognose zeigt uns Nordwind mit über 25 kn, warum sollten wir das bei Dunkelheit, Regen und 6°C machen. So entscheiden wir uns in Lervik nördlich von Engelsviken einen Zwischenstopp einzulegen, auch wenn uns der Nordwind günstig in den Süden geblasen hätte und wir stattdessen am Morgen Flaute haben werden. Die Bequemlichkeit hat gesiegt, immerhin haben wir 23 Seemeilen gekreuzt und dann motort. Die Übernachtung ist wieder kostenlos, da in der Marina der Bezahl-Automat abmontiert war.

Am Freitag 11.10.24 starten wir bei leichtem Nordwest. Der Wind schläft wie in der Prognose prophezeit ein und wir müssen 2 Stunden motoren, bis er wieder aus SW kommt. Er frischt von 2 bis 6 Bft. auf. Zum Glück können wir unseren Kurs Richtung Süden anliegen. Wir wollen Strecke machen und haben uns deshalb entschieden außerhalb der Schären auf offener See zu segeln, was uns natürlich die entsprechende Welle mitgibt. Wir kommen gut voran und biegen am Abend wieder in die Schärenwelt ein, um den Hafen des netten Ortes Fjällbacka nach 47 sm anzusteuern. Die Einfahrt ist spannend und wir freuen uns auf das Segeln zwischen den Schären und den Schutz gegen Welle und Wind. Fjällbacka verbirgt sich hinter einer vorgelagerten Insel und ist gut geschützt. Da uns der Starkwind am nächsten Tag entgegen wehen würde, ist die Entscheidung für einen Pausentag klar. Wir wandern durch die Schlucht Kungshyftan und staunen über die riesigen Felsblöcke, die sich über uns in der Schlucht eingeklemmt haben. Vom Berg aus bewundern wir die Schärenwelt und die Wege, die wir Segler zwischen den Felsen im Zick-Zack nehmen müssen. Nur ja keinen Fehler machen, denn die Felsen liegen überall… Wir schlendern durch den lieblichen Ort, der von vielen als Urlaubsziel gewählt wird. Zum Beispiel hat Ingrid Bergman hier mehrfach ihren Urlaub auf ihrer Lieblingsinsel Danholmen verbracht.

Über Nacht hat der Wind auf SE gedreht. Wir stehen früh auf, denn er soll von 5 auf 3. Bft. am Nachmittag abflauen. Zunächst geht es eng zwischen den Schären durch die sich windenden Fahrwasser – wie wir vom Berg aus gesehen haben – wieder hinaus in den Skagerrak, wo wir wieder hoch am Wind bei steifer Brise durch die See düsen, dieses Mal aber auf Steuerbordbug. Leider ist ja bei ANKE-SOPHIE die Nahtstelle zwischen Deck und Rumpf nicht dicht, sodass wir die Schwalbennester und unter der Matratze mit alten Handtüchern auslegen, um das eindringende Wasser aufzufangen. Diese müssen dann am Abend möglichst getrocknet werden für den nächsten Tag. Wir schaffen die 48 sm gut bis Marstrand und haben einen letzten gemütlichen Abend mit Thomas K. an Bord, der am nächsten Morgen nach Berlin abreist.

Annette und ich haben nun eine Phase von zwei Flautentagen und danach mehrere Tage Starkwind aus Süden vor uns. Das bedeutet, dass wir vorerst nicht so schnell weiterkommen werden. Von Marstrand motoren bzw. segeln wir zeitweise bis zu der kleinen Insel Källö-Knipplan, da wir den Motor nicht lange nutzen wollen und da dieser Name doch eine nette Insel verspricht. So ist es auch und wir wandern nun zu zweit über die Insel, die eigentlich nur eine Schäre ist.

Dann steuern wir Göteborg an, denn wir wollen den Starkwind -natürlich kommt er aus Süden, wohin wir wollen- in einem sicheren Hafen verbringen und dabei die Stadt besuchen. Wir wählen den königlichen Yachtclub GKSS in Långedrag aus, da wir von dort gut mit der Straßenbahn Linie 11 in die Stadt kommen. Wir haben einen Pausentag und streifen zunächst durch die Altstadt Haga, suchen ein nettes Café auf und lassen uns dann durch die Stadt und auf die Burg mit langen Spaziergängen treiben. Wir verbringen einen zweiten gemütlichen Abend im Hafen und steuern am nächsten Tag die Insel Vrångö an, die uns ein Segler empfohlen hat, der in Göteborg auf seinem Schiff lebt und dort auch die Winter verbringt. Dort erreichen wir trotz starkem Wind den guten Hafen, leider sind die Waschräume und Duschen bereits winterfest gemacht, aber wir haben Landstrom, müssen also nicht frieren und unternehmen zwei kleine wunderschöne Wanderungen, um die Schäreninsel zu erkunden. Die Saison ist wirklich zu Ende, wir haben seit Tagen keine anderen Segler getroffen.

Am Freitag 18.10. stehen wir um 6.30 Uhr auf, da wir endlich weiter nach Süden segeln wollen. Die Prognose zeigt -wie leider die ganze Zeit- Winde aus SSE um 14 bis 17 kn. Das wird nervig, denn der Wind weht uns damit genau entgegen. Aber da es auch die nächsten Tage ähnlich aussieht bzw. der Wind stärker wehen wird, wollen wir heute ein gutes Stück der Strecke bis Helsingør schaffen. Wir legen im Morgengrauen ab, denn im Schärengarten wollen wir Tageslicht haben. Die Prognose trifft die Realität gut. Leider kommt noch Regen dazu, der allerdings auch angesagt war, und die Stimmung nicht gerade verbessert, vor allem, da der ganze Tag ein Grau in Grau ist. Wenigstens ist es nicht kalt, denn der Südwind bringt Wärme bis zu uns. Annette und ich wechseln uns am Ruder ab und versuchen optimal zu segeln. Leider bremst uns die Welle doch stark aus und wie angekündigt, schwächt sich der Wind in der zweiten Tageshälfte merklich ab. Wir reffen das Groß aus und schließlich tauschen wir die Fock gegen die Genua, wobei ich ziemlich ins Fluchen komme, da die neuen Stagreiter auf dem flexiblen Vorstag nicht richtig rutschen und mir auch die Genuaschot in die Quere kommt. Nach 11 Stunden und 34 sm reicht es uns und wir laufen nach Varberg ein. Hier waren wir bereits auf dem Hinweg, um mehrere Tage den Starkwind abzuwettern, kennen also alles und sind uns recht sicher, dass der Hafen noch offen ist. Leider wird der Wind auf dem letzten Stück noch so schwach, dass wir die Maschine zu Hilfe nehmen, aber nach der Südtonne, können wir das Fahrwasser zum Hafen noch mit halbem Wind flott und entspannt im letzten Licht segeln. So einfach könnte es auf der gesamten Strecke sein, wenn der Wind nicht tagelang ausgerechnet aus der Richtung käme, wohin wir  müssen. Und das, wo wir uns dieses Mal gesagt haben, wir segeln einfach los, wohin uns der Wind treibt. So ist ja aus den Ålandinseln das Ziel Oslo entstanden, da wir nicht gegen den damaligen Ost- und Nordwind angehen wollten. Nun wäre uns Nord-, West- oder Ostwind gerade recht, leider haben wir seit Tagen Südwind…

In Varberg finden wir alles wie gehabt, wir legen uns direkt neben das Servicegebäude und nehmen uns den Strom, um die Handtücher zu trocknen, mit denen wir das Wasser aus den Undichtigkeiten im Bugbereich aufnehmen, während auf der Kreuz die Wellen überkommen. Wir freuen uns auf den Anleger, das Abendessen und die Koje…

Obwohl der letzte Tag anstrengend war, starten wir früh um 8:15, denn die Prognosen auf PredictWind zeigen rechtdrehende Winde und wir wollen weiter nach Süden. Am Anfang laufen wir sogar mit gefierten Schoten, das hatten wir lange nicht. Später segeln wir hoch am Wind und kommen gut voran, die Welle ist recht stark, leider flaut der Wind um 14:30 ab und legt  nach dem Ausreffen wieder zu, das kennen wir. Wir steuern den Hafen Torekov an und finden einen Platz mit 2,5 m tiefem Wasser direkt neben dem Mastenkran. Etmal: 43 sm. Wir sind zufrieden, machen einen Landgang und werden von einem Regen überrascht.

Weiter geht es, bei schönem Wetter und einem SSE 3-4, wir setzen Groß und Genua und können Kap Kullen sogar gut anliegen. Der Wind dreht dann auf SE und wir fahren auf Hornbaek zu, entschließen uns aber doch weiter zu kreuzen, um Helsingør bei dem schönen Wetter zu erreichen. Wir waren oft dort und wollen die Stadt wieder besuchen. Das Ende der Etappe ist schwierig, da wir bei 2 kn Strömung und gegen den Wind aus Süden kreuzen müssen, zudem gilt es einigen Frachtern auszuweichen.

Montag ist ein Pausentag und Werner kommt uns aus Berlin besuchen, um mit uns die Überfahrt nach Stralsund zu machen. Es ist ein stetiger Westwind angesagt, den wir ausnutzen wollen. Die Windprognosen zeigen uns aber auch, dass wir in der Mitte der Nacht in der Spitze 28 kn haben werden. Dem wollen wir entgehen, aber auf der anderen Seite wollen wir Hiddensee und das Fahrwasser bei Tageslicht erreichen. Wir entscheiden uns am Dienstag 22.10. um 12 Uhr in Helsingør abzulegen und den Sund nach Süden zu segeln. Jetzt rauschen wir in den Süden, denn wir haben dieses Mal 2 kn Strömung mit uns und tollen Westwind, also segeln raumschots, und kommen noch zum Kaffee um 16 Uhr zu unserem ausgewählten Ankerplatz südlich Københagen und nordöstlich Dragør. Dort verbringen wir die Nacht geschützt vor dem Starkwind nach einem leckeren Abendessen, das uns Annette kocht. Wir stehen um 2 Uhr auf, Anker auf, um nach Hiddensee zu segeln. Wir haben immer noch kräftigen Wind, aber zum Glück eine gute Sicht bei Halbmond und klarem Himmel. Werner sucht sich immer den richtigen Stern, z.B. das Sternbild Orion, als Orientierung zum Steuern. Die vielen Frachtschiffe in den Verkehrstrennungsgebieten beschäftigen uns gut und wir sind froh, AIS zu haben und zu dritt zu sein. Wir passieren die Windparks und erreichen um kurz vor 12 Uhr wie geplant die Ansteuerungstonne Gellen. Wir starten den Motor und nach kurzer Zeit schockt uns stinkender Qualm aus der Kabine. Wir stoppen sofort die Maschine und entdecken viel ausgelaufenes Kühlwasser in der Bilge. Da wir die schmale Barhöfter Rinne nicht gegen den Wind kreuzen können, kommen wir ohne Maschine nicht ohne fremde Hilfe in einen sicheren Hafen. Ich rufe mit einem PAN-PAN-Ruf Bremen Rescue über Kanal 16 und kläre das weitere Vorgehen. Wir haben die Genua gegen die Fock getauscht und segeln weiter Richtung Fahrwasser zum Leuchtturm Gellen. Dort treffen wir wie angekündigt das kleine Beiboot „Uwe“ des Seenotkreuzers „Nis Randers“. Wir kennen beide von unseren Aufenthalten in Barhöft und denken natürlich wieder an die wunderbare Ballade von Otto Ernst. UWE schleppt uns durch die Barhöfter Rinne, die so schmal ist, dass wir gegen den Wind nicht hätten kreuzen können. Wir haben extremes Niedrigwasser (-15 cm) und sitzen drei Mal auf Grund. UWE gibt jeweils kräftig Gas und zieht uns durch den Schlick. Wir sind überglücklich nach diesem Schreck, der uns in den Knochen sitzt, wohl in Barhöft angekommen zu sein. Unser Motor, ein Volvo Penta MD2030D mit 3 Zylindern und 28 PS, hat uns in 20 Jahren noch nie im Stich gelassen. Nach dem Ankommen, Ausruhen und Kaffee trinken liest Annette die Ballade „Nis Randers“ vor, denn Werner kennt sie noch nicht. Wann, wenn nicht heute:

Krachen und Heulen und berstende Nacht,

Dunkel und Flammen in rasender Jagd –

Ein Schrei durch die Brandung!

Und brennt der Himmel, so sieht man’s gut:

Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;

Gleich holt sich’s der Abgrund.

Nis Randers lugt – und ohne Hast

Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast;

Wir müssen ihn holen.“

Da fasst ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein:

Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,

Ich will’s, deine Mutter!

Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;

Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,

Mein Uwe, mein Uwe!“

Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!

Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:

„Und seine Mutter?“

Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs:

Hohes, hartes Friesengewächs;

Schon sausen die Ruder.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!

Nun muß es zerschmettern …! Nein, es blieb ganz! …

Wie lange? Wie lange?

Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer

Die menschenfressenden Rosse daher;

Sie schnauben und schäumen.

Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!

Eins auf den Nacken des andern springt

Mit stampfenden Hufen!

Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!

Was da? – Ein Boot, das landwärts hält –

Sie sind es! Sie kommen! – –

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt …

Still – ruft da nicht einer? – Er schreit’s durch die Hand:

„Sagt Mutter, ’s ist Uwe!“

Den Donnerstag verbringen wir als Pausentag, verarbeiten das Erlebte und verabschieden Werner nach einem längeren Spaziergang entlang des Fahrwassers nach Zingst.

Am Freitag werden wir von „Seahelp“ nach Stralsund direkt zum Kran des Wassersportzentrums Dänholm Nord geschleppt. Wir organisieren viel, ein Mechaniker schaut sich unseren defekten Motor an, wir klären das Kranen und werden die nächsten Tage das Boot winterfest machen.

Eine ereignisreiche Reise liegt hinter uns, 960 Seemeilen über Grund von Stralsund nach Oslo und zurück in 40 Tagen. Auf einige der Erlebnisse hätten wir sehr gerne verzichtet. So eine Seefahrt bringt uns vieles, was wir schätzen, aber wir sind eben auch von Wetter und anderen Einflüssen abhängig, nicht alles ist von uns steuerbar.

Wir haben das späte Segeln im Herbst weitgehend genossen, es ist kaum noch jemand unterwegs und wir haben die Häfen oft für uns. Das Licht ist wunderbar und unter Kälte haben wir nicht gelitten.

Dass es Stefan besser geht und er sogar schnell wieder arbeiten konnte – wenn auch mit starken Schmerzmitteln – beruhigt uns ein bisschen.

Hier noch eine Karte mit der Route und der Etappenplan (Rot: Hinreise, Orange: Rückreise).

Nächstes Jahr soll es weiter gehen, vielleicht zu den Färöer Inseln und nach Island…

Hinterlasse einen Kommentar