Auf ANUK von Grönland nach Island

Nun schreibe ich hier erstmalig einen Beitrag nicht von Bord der Anke-Sophie, denn im September segle ich mit Astrid und Uli auf der ANUK. Ich kenne das Schiff bereits von Arbeitsaufenthalten im Winter auf Fehmarn. Die Garcia 47 aus Aluminium ist für Fahrten in die Arktis ausgerüstet und deshalb auch eistauglich. Die beiden Eignerinnen sind mit ihr zuvor von Tromsø über Jan Mayen bis nach Ittoqqorttoormiit am Scoresbysund gesegelt. Die gesamte Reise könnt ihr auf www.ANUK-segelt.de verfolgen. Die Karte rechts zeigt das Gebiet, in dem wir zusammen unterwegs sind.

So einfach war es gar nicht für mich, nach Kulusuk in Grönland zu kommen. Nach der Zwischenlandung in Rykjavik wurde ich krank. Die noch gültigen Covid-Tests funktionierten nicht mehr richtig, der erste war positiv, der zweite zeigte gar nichts und der dritte war negativ. Ich konnte es mir also aussuchen, aber der Körper sagte mir sowieso, weiterreisen sollte ich nicht. Also umbuchen bevor der Flug nach Grönland verfällt. Als ich drei Tage später in der Maschine sitze, erfahre ich, dass ich mit meinem alten Flug auch nicht früher angekommen wäre, denn der Flieger vom Freitag drehte nach 1 ¾ Stunden über Kulusuk um, da dichter Nebel das Landen unmöglich machte, und kehrte nach Reykjavik zurück. Der Ersatzflug am Samstag über Nuuk startete erst gar nicht und am Sonntag gab es keinen Flug.

Wie glücklich bin ich im Flugzeug, als ich kurz vor Grönland die ersten Eisberge im Meer treiben sehe, sie werden mich die nächsten Tage begleiten. Der Spaziergang durch Kulusuk zeigt eine andere neue Welt. Die Blicke schweifen zwischen den bunten Häusern auf vereinzelte Eisberge, die durch die Bucht treiben wie wechselnde Bühnenbilder im Theater. Die Inuit an der Ostküste Grönlands leben bis heute zum Großteil von der Fischerei und der Jagd. Für mich gewöhnungsbedürftig liegen erlegte Robben zu einem Bündel zusammengebunden an einem Felsen im Wasser. Im Hafen sehe ich einen halb zerlegten Delphin.

Am Mittwoch 30.08. kommt die ANUK in Kulusuk an. Astrid, Uli und Uta begrüßen mich herzlich. Sie haben zuvor Carola und Gunter in Tasiilaq abgeholt, damit ist die neue Crew komplett. Wir legen gleich am Nachmittag ab, um Henri von der vorherigen Crew durch den Ammasssalik Fjord nach Kuummiut zu bringen. Er will von dort zu einer großen Wanderung aufbrechen. Wegen der Gefahr von Eisbären hat er von einem Dänen ein Gewehr und einen Hund ausgeliehen, der ihn begleiten und nachts wecken soll, falls Eisbären auftauchen, damit er nicht im Schlaf überrascht wird. Wir können sein Gepäck kaum ins Schlauchboot heben, so schwer ist es mit ca. 35 kg.

Nach einer ruhigen Nacht vor Anker motoren wir durch den Ikasartivag Sund, da der Wind leider nur kurz und aus wechselnden Richtungen weht. Auf beiden Seiten ziehen hohe Berge und Gletscher an uns vorbei. Aus den unterschiedlichen Wettermodellen wissen wir seit Tagen, dass ein Sturm von Kap Farvel heraufziehen wird, der draußen auf See aus Nordost mit bis zu 60 kn in Böen wehen wird.

Wir wollen den Sturm in einer von allen Seiten umschlossenen kleinen Bucht bei Tiniteqilaaq geschützt vor Anker abwettern. Am nächsten Morgen erkunden wir bei 5° und Dauerregen den kleinen Ort und sind fasziniert vom Blick hinaus in den Sermilik Fjord, der voller Eisberge direkt vor uns liegt. Ein Strom von Eisskulpturen zieht an uns vorbei, ein erhabenes Gefühl, dort hinauszublicken und zu wissen, dass wir bald mit ANUK zwischen den Eisbergen unterwegs sein werden. Wir streifen zwischen den Häusern umher, von denen leider einige nicht mehr bewohnt sind. Wir finden wieder Zeichen der Jagd wie Robben und ein Eisbärfell. Beim Einkaufen im Supermarkt kommen wir in Kontakt zu Einheimischen, denn wir wollen die Bestände an Petroleum um 30 Liter auffrischen. Dazu wird der Bagger aktiviert, um Nachschub aus einem Container zu holen.

Und dann ist es soweit, wir fahren unter Maschine bei gutem Wetter und Flaute den Sermilik Fjord nach Norden. Wir können uns nicht satt sehen an den Eisbergen. Wir schlängeln uns mit langsamer Fahrt zwischen ihnen hindurch, immer auf Abstand bedacht, denn jeder weiß, dass 9/10 der Eisberge unter Wasser liegen und trotzdem ragen die Wände haushoch aus dem Wasser. Sie schillern in unterschiedlichen Farben im Licht und manchmal stürzen Teile von ihnen ab ins Wasser.

Am Abend ankern wir in einer flachen Bucht, gut geschützt vor großen Eisbergen und setzen zu einem Ausflug mit dem Dinghi an Land, wir wandern ein wenig in die Berge entlang einem Fluss. Auch wenn wir nicht mit Eisbären rechnen, hat Astrid zur Sicherheit ein Gewehr dabei. Wir freuen uns an den Felsformationen und der Flora. Ja, und in der Nacht noch eine Überraschung: Wir sehen Polarlichter, mit denen ich im Spätsommer gar nicht gerechnet hatte. Faszinierend, wie die Lichtstrukturen am Himmel über dem Schiff wechseln. Ein tiefes Glück erfasst mich, das sehen zu dürfen.

Am nächsten Tag fahren wir den Sermilik Fjord wieder zurück nach Süden, wieder passieren wir Hunderte von Eisbergen. Teilweise müssen wir die Fahrt reduzieren, denn kleine Eisstücke verschließen den Weg und wir schieben uns knirschend hindurch, die Crew versucht dabei die größeren Eisstücke mit Stangen von Bord abzuhalten. Wir verlassen den Fjord und der Weg führt uns auf das offene Meer hinaus in Richtung Westen, wo wir nach einer weiteren Nacht unter Anker in einer geschützten Bucht den kleinen Ort Isortoq erreichen.

Ich lese an Bord das Buch „Grenzerfahrung Grönland“ von Birgit Lutz, in dem sie ihre Überquerung des Inlandeises von Grönland von West nach Ost beschreibt. Sie kommt nach 560 km und drei Wochen erschöpft genau in dem Ort Isortoq an, wo wir nun am Pier festmachen. Das Buch und die dramatischen Schilderungen darin lesen sich wie ein Krimi. Aber noch interessanter ist das Buch von ihr „Heute gehen wir Wale fangen…“, in dem sie beschreibt, wie Grönländer sie in ihre alte Welt mitnahmen. Sie schildert mit Interviews genau die Probleme, die wir bei unseren Ausflügen durch die Orte im Ansatz auch sehen. Es geht um die verlorene Jägerkultur und die damit verbundenen Folgen von Alkoholismus und extrem hohen Selbstmordraten. Auch wir unterhalten uns mit einem jungen Inuit, der sich an Bord traut und etwas Englisch spricht.

Wir sehen im Ort, dass beinahe jedes zweite Haus verlassen wurde. Das Leben hier ist hart und viele wandern weg. In Grönland leben ca. 56.000 Einwohner, davon etwa nur 3.500 an der Ostküste, die extrem dünn besiedelt ist. In Isortoq lebten 1970 noch 155 Inuit, heute sind es nur noch ein Viertel. Wir streifen viel durch den Ort und besuchen auch den Friedhof. Wir sind erstaunt, dass die kargen Holzkreuze keine Namen tragen, und fragen uns, warum der einzige Zaun, den wir finden, den Friedhof umfasst. Später finden wir im Buch den Grund. Auf den Felsklippen können die Toten nicht in der Erde beerdigt, sondern nur mit Steinen bedeckt werden. Der Zaun soll die Hunde abhalten.

Morgens begrüßen wir den dänischen Zahnarzt, der mit einem Motorboot mit einem Dutzend Gepäckstücken kommt und für zwei Tage eine mobile Praxis für die Inuit öffnet. Er besucht als Rentner die Ostküste, um den Einheimischen zu helfen. Die Zahnprobleme kommen mit der heutigen Ernährung, früher, als die Inuit ausschließlich von der Jagd lebten, gab es diese nicht. Heute gibt es, wie in jedem Ort, eine Pilersuisoq Filiale, in der man alles Notwendige einkaufen kann, die Auswahl an frischen Produkten ist beschränkt auf Kartoffeln und Zwiebeln, was daran liegt, dass der Ort nur wenige Male per Schiff zwischen Juni und November versorgt wird. Ich kaufe für Annette einen grönländischen Pullover, allerdings „Made in China“. Und ein Eis essen wollen wir selbst in Grönland…

Wir beobachten jeden Tag das Wetter, wir wollen bei der Überfahrt nach Island einen Sturm vermeiden, aber wir wollen natürlich segeln. Wir finden ein relativ gutes Wetterfenster. Am ersten Tag ist Flaute und wir pflügen unter Maschine durch eine noch mächtige See vom letzten Sturm. Wir sind froh, bei Tageslicht die Eisberge im Meer gut sehen zu können, nachts hilft das Radar, sie zu meiden. Am zweiten Tag kommt leichter Wind auf, allerdings aus Osten, also gegen an, wir müssen weiterhin die Maschine nutzen, bis endlich der Wind nordöstlicher dreht und wir die Segel setzen können. Die weitere Überfahrt wird immer angenehmer und wir nähern uns Island in einem südlichen Bogen und laufen den Hafen von Reykjavik nach 4 ½ Tagen an. Wir haben noch ein paar Tage an Bord und erkunden die Stadt und das Umland. Eine wunderbare Reise endet und dann verlassen Astrid, Carola, Gunter und ich die ANUK und eine weitere tolle Reise schließt sich an: Wir fahren mit einem Mietwagen zu den Nordwestfjorden, um dort zu zelten und zu wandern. Nach weiteren zwei Wochen setzen wir dann mit der Fähre von Seyðisfjörður an der isländischen Ostküste mit einer dreitägigen Überfahrt nach Dänemark über.

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